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Es werden Posts vom 2013 angezeigt.

Von lesenden Songwritern aus Kristallgruben

Kristallgrube auf: eine Truhe voller Märchenbücher, und ein paar deutsche Singer-Songwriter greifen hinein. Nicht die eigenen Texte, verlautbaren sie, diesmal werden Grimms Märchen in Originalfassung gelesen. Ins Schwarz-Weiß des vor die Projektion eines Birkenwäldchens gesetzt wie in eine heile Welt gepackt - findet sich viel Variation in der Lesung des bekannten Stoffs: Stimme, Klangfarbe und Stimmlage. Die Art zu lesen und zu verstehen. Die wörtliche Rede, hoch bis piepsig. Am Bettrand der Kinder hockend kann man sie sich so wirklich oder auch so gar nicht vorstellen.Verschlufft bewegen sich Wolfgang Müller, Tex, Tom Liwa, Jan Plewka, Francesco Wilking, Möritz Krämer und Gisbert zu Knyphausen durch den Sonntag über die Bühne des Übel & Gefährlich in Hamburg. Auch ohne Choreographie, zumindest die Reihenfolge steht, stimmt alles. Tom Liwa stimmt mir dem "Dorröschen" in tiefem, betontem Klang ein. Gisbert singt plötzlich auf Holländisch, etwas Kitsch von Fahrrädern und ...

Emsig, die Ameisen der Kunst

Die Ameise ist ein schönes Tier. Sie ist nicht groß oder schön, aber sie nimmt sich selbst nicht so wichtig. Sie ist fleißig, sie produziert - wie der Künstler, ganz im Dienste in der Kunst. Peter Sempel wirft in seinem Film "The animals of art" einen leisen Blick über die Schultern von Daniel Richter und Jonathan Meese, zeigt die Künstler in ihrem Tun und Element: dem Schaffen, der Arbeit und Kunst, so intim und verspielt, nervös und repräsentativ. Er streift die Kunstszene in beiläufigen Bildern und kurzen Statements und schafft es doch sie ziemlich genau und ohne Aufschrei abzubilden. Ausschnitte von Kunstbetrachtern auf Messen und in Museen, Hackenschuhe und Rückenansichten, kaum Mimik. Dazwischen blitzen Ansichten von Mönchen in Tibet. Verehrung. Betrachtung. Bewertung. Kurze Zitate, wobei nur Augen oder Münder sprechen. Dann wieder rutscht man ins Intime, das Atelier, die Arbeitssituation - und blickt in das Absurde, Leichtfertige und Sonderbare. Das was vor dem Werk...

Gibt es einen Ort, an dem wir unsere Ängste lustvoll ausleben können...?

Fragestunde im Golem zur Lust an der Angst, denn EGG (Ewige Geistesgröße: Dr. Christian Gefert und Dr. Heidi Salaverría) luden zur vierten Philosophie-Show, um sich mit dem Publikum den philosophischen Dimensionen des libidinösen Alltags künstlerisch zu nähren. Und diesmal anhand eines Werbeclips über Intelligent Houses, Häuser mit Gehirn. Die Stimme aus dem OFF spricht von Seele-Gehirn, Geist-Körper-Dualismus, vom Atmen der Wände und Eigenleben des Hauses ... EGG spielen damit auf das Leben der Menschen im Niedrig-Energie-Modus an, darin verschluckt sich die Libido selbst. Ohne das Fort-und-Da-Prinzip habe man Sex beinahe nicht mehr nötig. Die Angst, die Störung, die Neurose als Ursprung für allen Lebenstrieb, Selbsterhaltungstrieb nach Freud und das Nirwana, den Todestrieb. Die Spannung als notwendiges Mittel, um Lust spürbar zu machen. Sich auffressen oder von Licht leben. Kannibalismus, wenn Liebe Vereinnahmung wird. Fotosynthese, wenn die Liebe vom Licht lebt, nur die Mensch...

Wilde Busse

Der Produzent (Marco Antonio Loredo) kündigt den Moderator des Abends, Frank Spilker als Ex-Rockstar und Nun-Autor an. So recht gibt der ehemalige Küchenkonzerte-Chef das Mikro nicht aus der Hand - auch den Regisseuren Paul und Kerstin nicht, aber an diesem Abend steht ein anderer Star im Mittelpunkt. Ansichten eines Busses in einem sich verändernden Stadtteil. Die Wilde 13 rauscht durch Wilhelmsburg, die Binneninsel im Süden Hamburgs, eigentlich fließt sie. Leise tränken sich die Straßenzüge durch Regentropfen- oder Sonnenglas, vom Knautschen des Kunststoffgelenks wie eine Ziehharmonika, dem Drehen in der Mitte. Der Pulk drückt sich bis in die Nähte des Busses, füllt ihn aus. Innenleben eines Stadtteilgefährts, das ihn abbildet. Denn jeder muss mal mit der 13 fahren. Bunt, dicht, verändernd. Captain Jack, der Busfahrer mit der Mütze, ist vom IT-Mann zum Busfahrer mit Passion geworden. Geregelte Arbeitszeiten und der Dank geht an die Hochbahn ;) Dazwischen ein Rückblick ...

Die Vorstellung, vorbei - Lita Cabbellut

Ausgespielt, kaputt gespielt, vorbei. In den großformatigen Öl-Portraits von Lita Cabellut liegen einige wunde Stellen offen. Über die feinen Konturen der Gesichter, zart wie Sprühnebel und fotogleich, ziehen sich Lippen wie Blutspuren. Verstörend schön malt Cabellut Wesen, die Spuren eines Kampfes aufweisen oder Schminkreste einer Vorstellung. Boxring oder Bühne - the show is over. Starke Frauen wie Marie Curie, Janis Joplin oder Maria Callas   werden in heroischen Posen bunt daneben groß gezogen. Einige rote Punkte neben den Werken, am letzten Tag der Hamburger Gallery Week. http://www.litacabellut.com/

Im Aquarium: Zierfische unter Häuslebauern

Irritation hinterlassen die Stereotype im Stück "Nicht Fisch nicht Fleisch" am Theater Freiburg, denn sie hängen fest, nicht nur als Zielfische im System Aquarium sondern auch in der Häuslichkeit der 70er. Bei den kinderlosen Karrieristen Emmi und Edgar leidet er unter Liebesentzug, den er in Körperlichkeit von der versteiften Puppe in Nadelstreifen einfordert. Sex ist da die letzte Möglichkeit, seine beruflich erfolgreiche, selbständige Frau noch im Griff zu haben. Und der Gewerkschafter Hermann arbeitet hart, verdient wenig und kämpft für die Zukunft unserer Kinder. Dabei gefährdet er aber sogleich die Existenz seiner eigenen Familie, wie seine Frau Helga befürchtet. Sie ist Hausfrau und Mutter, eine gute Seele, nützlich, gefügig und verfügbar.  Ihre kleinen Welten brechen alle zusammen – miteinander und nacheinander wie das Hausdach, das als einziges Element der Kulisse durch den Raum schwebt. Die Schauspieler imitieren haltlos dessen Pfosten, die dem häuslichen Kons...

Wie man das Scheitern (in der Kunst) optimiert

"Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Samuel Becketts Worte leiten den Rundgang in der Hamburger Galerie der Gegenwart durch Videos und Fotografien zum Thema "Besser scheitern" ein. Das Paradoxon stellt unbedingt unseren Leistungs- und Erfolgsdruck in Frage und setzt dem sogleich die schwindend geringe Wahrscheinlichkeit, in der Kunst zu Ruhm zu erlangen entgegen. Das gesellschaftliche, menschliche Scheitern als künstlerisches Thema, insbesondere aber auch das Scheitern in der Kunst. Die erste Videoarbeit von   Guy Ben-Ner  ("If only it was as easy to banish hunger by rubbing the belly as it is to masturbate")  schließt direkt an das Zitat an. Künstler und Museumsdirektor rasen endlos in einem Patchwork-Dialog aus Zitaten der Weltliteratur von Don Quichotte bis Warten auf Godot  hängend und  ziellos durch die Landschaften. Sie wechseln die Fortbewegungsmittel und den Hintergrund, das...

Subtraktion nach Lacan: Liebesanspruch - Bedürfnis = Begehren

Der Psycholanalytiker Jacques Lacan habe eine "Formel", die besagt, dass sich das reine, eben nicht narzistische  Begehren aus der Subtraktion des (egoistischen) Bedürfnisses vom Liebesanspruch ergibt. In der philosophischen Show von Dr. Christian Gefert und Dr. Heidi Salaverría oder kurz EGG (Ewige Geistesgröße) im Golem werden Textauszüge bunt und digital direkt vom Schreibtisch auf die Wand gebeamt und Fragen gestellt. Es ergibt sich ein gleichwohl zu polemisch gespieltes wie geschlechterspezifisch polarisierendes Dr.-Dr.-Duell, dem der Schwung fehlte. Manchmal. Oder der Witz oder die Antwort. Sie liest das Märchen "Der Fischer und seine Frau" als Gleichnis vor. Der Fischer, der stetig versucht dem Anspruch seiner Frau nach mehr und immer mehr nachzukommen. Das Bedürfnis, diesen endlos erwarteten Liebesbeweis einzufordern und zu erbringen. Dabei beweisen weder materielle noch verbale Mittel deren Existenz. Die Ansprüche zerschellen einfach. Aber Lacan...

Listening to elephants and wolf's behind the glass

Ein angenehm gefülltes Knust, in der ersten Reihe auf dem Boden sitzen und Blaudzun bestaunen. Die Band um den Sänger Johannes Sigmond , dessen  Bruder Jacob auf der E-Gitarre geigt und der Keyboarder mit Pony energisch das Schlagzeug haut. Ein  Schüchterner am Akkordeon, die rothaarige Grazile mit der Geige stahlt und ein Barfüßiger Truckercap hüpft im Hintergrund neben dem Drummer. Ein sympathischer Anblick der holländischen Hünen und ein beruhigend, ausgleichend musikalisches Erlebnis. Tanzen im Lichtkegel, wenn die Band die Quiet german girls besingt. Mitsummen bei she talks to "elephants"  und schließlich ein Publikumschor bei solar  "It hurt's too much to stay but I won't let go..."  Mit der Ukulele im Publikum stimmen Blaudzun " The wolf's behind the glass" wie ein Schlaflied an, in der Ruhe, wenn die Gefahr sichtbar hinter Glasscheiben ruht, streunt Hamburg beruhigt in die Betten. Slaap lekker!