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Es werden Posts vom 2021 angezeigt.

Von getäuschter Liebe, einer traumatisierten Mutter und einem halben Helden

Ein Zeichen vom Jugendfreund, ein Besuch im Hospiz. Zwischen ihrer Wohnung und seinem Sterbebett überschlagen sich ihre Erinnerungen: An die Kindheit, ihre Mutter, dem Holocaust entkommen und immer in Angst und Sorgen lebend. In der Schule bekommt Elisabeth den Namen Alisa, die erste Generation im Lande Israel. Das war 1959. Bei den Pfadfindern lernt die Jugendliche Yigal kennen und den Traum von einem starken Staat. Von der Euphorie einer Bewegung für Israel, dem Krieg, dem Fall, der Haft, der Gefangenschaft: Yigal Ben Dror verkörpert diesen Aufstieg von Verblendung und Verleugnung in Lizzie Dorons Roman „Was wäre wenn". Er ist ihre Jugendliebe oder ihr jugendlicher Wunsch einer Liebe, die man nie gelebt hat. "1967 Yigal Ben Dror und ich sammeln Fotoreportagen über den Krieg, lesen Zeitungsartikel über die Heldentaten der Soldaten, feiern den Sieg und hören nicht auf zu knutschen, denn dies ist unser Land, unsere Heimat, uns gehört dieses Land. Yigal verrät mir, im nächsten...

Von Kisten und Kauzigkeit

Das Haus, das Meer und die Stille. Das Leben in der Wohnung an der Straße, auf dessen Balkon die Neon-Leuchten der Tankstelle fallen, und die monotone Arbeit in der Zigarettenfabrik, dieses Leben liegt hinter ihr. Da gab es die Kiste, den Zauberer, dessen Frau und das Angebot, mit ihnen als die zersägte Assistentin auf Tour zu gehen. Den Ex, der sich nun in zwei Wohnungen zubaut, in Material für den Notstand versteckt, sammelt, liest, hortet. Und ihre Tochter, volljährig, schickt von ihren Reisen durch die Welt nur Signale und Koordinaten. Einsilbig. Ihm schreibt sie aber, lange Briefe. Der Nager im Haus, die Falle und die Nachbarn In Judith Hermanns neuem Roman „Daheim“ geht es um eine Frau, die in ein kleines Haus am Haff zieht. Es ist still dort, nachts nagt es und einmal stehen die Türen offen, die Einsamkeit weht herein. Hier lernt sie die Nachbarin Mimi kennen, eine lebendige Frau, die sie zum Abendschwimmen und anderen Abenteuern auffordert. Sie trifft den Bauern Arild, der gut ...

Von Guggenheims Kuschel-Kolonie oder der Eskapismus-Kavallerie der Queen

In „Schlafende Hunde“ porträtiert Anja Rützel acht Menschen und ihre Hunde. Von Hundemenschen und Misanthropen: Menschen, die sich dem Speziesismus verschrieben hatten, ehe er einen Namen bekam, die den Hund wie einen Menschen betrachten oder ihn gar dem Menschen vorziehen. Pets before people. Die Hunde, meist mehrere, begleiten sie durchs Leben, oft sind sie auch in den letzten Stunden an ihrer Seite, sterben dann, wenn der andere geht. Dabei geht es um Hunderassen, -namen, Züchtergeschichten und Anekdoten aus dem Leben der berühmte Menschen und ihren Haustieren. Jedes Mensch-Hund-Paar hat Rützel wunderschön illustriert - mit einem brav sitzenden Hund in Aquarell. Oft erfüllt die Liebe zum Tier eine Funktion. Sie füllen die Leere und Einsamkeit, sind Ersatz oder Projektionsfläche, sind Zuhörer, Therapeuten, einfach leise, weich und treu. Und diese unterschiedlichen Tier-Mensch-Beziehungen faszinieren vielleicht auch Nicht-Hundemenschen. „Der Hund legt sein Leben in deine Hände. Er mac...

Falschinformationen - das Gift in unserer Informationsgesellschaft

Sozialpsychologin Pia Lamberty und Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun schreiben ein Buch, das hilft – zu verstehen, wie Verschwörungsideologien entstehen und wie man mit Menschen umgeht, die drohen im „Kaninchenbau“ des Internets verloren zu gehen.   Je länger mit der Intervention gewartet wird, desto schwieriger wird es in der Regel Die Autorinnen fahren in "True Facts – Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft" (2021, Quadriga) eine Fülle an Wissen um bestehende Verschwörungsmythen und sich historische wiederholende Narrative auf. Wie Antisemitismus mit Impf-Angst, wie die Furcht vor einer Corona-Diktatur mit Kontrollverlust und Hilflosigkeit und wie Verschwörungsglaube mit der Suche nach Mustern, Vorhersagbarkeit und Gruppenzugehörigkeit zusammenhängen: Um diese Fragen geht es in dem Sachbuch.    Dabei decken sie von psychologischen Motiven, Bedürfnissen, Persönlichkeitsstilen und trügerischen Effekten über die Wirkweise von Verschwörungsideologien hin z...

Orakel, Okapi, Optimismus

Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Mein bester Freund ist gestorben, weil er sich an eine nicht richtig geschlossene Regionalzugtür gelehnt hat. Das ist erst zwölf Jahre her. Immer, wenn meine Großmutter von einem Okapi träumt, stirbt hinterher jemand. Mein Vater findet, dass man nur in der Ferne wirklich wird, deshalb ist er auf Reisen. Meine Mutter hat einen Blumenladen und ein Verhältnis mit einem Eiscafébesitzer, der Alberto heißt. "Diesen Hochsitz da“, ich zeigte auf die angrenzende Wiese, „Hat der Optiker angesägt, weil er den Jäger umbringen wollte." Der Optiker liebt meine Großmutter und sagt es ihr nicht. Ich mache eine Ausbildung zur Buchhändlerin. (S. 135) Damit ist fast alles erzählt, worum es in „Was man von hier aus sehen kann“ (2017, Dumont) von Mariana Leky geht. Um Selma und ihre Enkelin Luise, der man in drei Lebensabschnitten begegnet, in nahezu jedem stirbt jemand. Zugleich zieht der Tod als Schrecken durch das Dorf, in dem jede mit jeder etwas zu tun hat o...

Hinter den Bergen droht ein Patriarchat zu eskalieren / Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhler katapultiert mich mit „Miroloi“ (2019, Carl Hanser Verlag) in einen befremdlich reaktionären Albtraum, an einem verlorenen Ort oder eine Dystopie, die gegen Ende des Romans sanfter wird. Eine Außenseiterin mit einem kaputten Bein, die sich herkunftslos in einem Patriarchat verirrt hat: Folgt man der namenlosen Protagonistin, fließt man durch ein Buch, dessen kurze Kapitel 128 Strophen sind. Der Gesang ist düster, lieblich. Die Sequenzen steigern sich in einem klassischen Aufbau. Erst mag ich die junge Frau nicht begleiten, die in dem bergigen Dorf auf der Insel nichts ist und keine Rechte hat, den Kopf senkt und mit Anfeindungen und Beleidigungen im Alltag gewohnt umgeht. Es erscheint mir zu ungewohnt, Ort und Zeit nicht greifbar. „Eselstute. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hi...