Der Kitsch und die Einfachheit des Denkens einer Studentin treffen in Caroline Wahls Roman „22 Bahnen“ (DuMont 2023) auf schwere Themen: Suchterkrankung, Parentifizierung, Verlust und Trauer. Diese Themen rieseln so beiläufig in die Handlung um Tilda, die in einem Dilemma zwischen Aufbruch und Verharren steckt: Doktorarbeit in Berlin angehen oder Zuhause die Obhut von Mutter und Schwester stemmen? Sich mal um sich oder weiter um die anderen kümmern? Eng und liebevoll wird die Beziehung der Schwestern beschrieben. Auch Freunde bekommen im Leben von Tilda viel Raum, sie sind wichtige Bezugspersonen. Zwischen Sucht und Liebe Klischeehaft wird die alkohlabhängige und depressive Mutter im roten Kleid, euphorisch, aggressiv, lallend oder schlafend dargestellt. Das klassische Bild der Sucht. Dabei hat sie viele Gesichter. Ich hätte mir eine verstecktere Form gewünscht, eine unsichtbare und normalisierte, die in unserer Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit bekommt, und viel Schaden anrichten ...
Rezensionen und Gedanken