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Posts

Es werden Posts vom 2017 angezeigt.

Heimat_lose Fotografie

Im Haus der Fotografie erzählen Peter Bialobrzeskis Werke von einer deutschen Heimat, einer zurückgezogenen, die sich hinter Fassaden verschanzt. Ihre Blicke an den Bushaltestellen sind auf den Bürgersteig gesenkt oder fokussieren Rücksitzbänke, Autolehnen, Kleinteile. Mal öffnet sich in dem Still ein Fenster Inimität, das die Kamera durch ein geöffnetes Garagentor erhascht. Mal greift der Fotograf grafisch und farblich harmonische Stadtausschnitte auf. Aber heimelich ist "Die Zweite Heimat" in den Hamburger Deichtorhallen nicht. Bunte Imbissbuden trohnen an Kreuzungen, rufen förmlich, versprechen eine Form der notwendigen Einkehr, des zwingenden Genusses. Hunger, mehr nicht. Frische, pastellfarbene Hausfassaden stapeln sich fensterlos auf, dahinter legt sich der Verfall über den milchigen, ebenen Himmel. Hinter dem warm beleuchteten und großzügigem Gartenpavillon ragt eine weiße, provisorisch errichtete Zelt-Stadt auf. Ein Kontrast der Behaglichkeit zwischen denen, die H...

Von den Sonnen- und Schattenseiten

"Das Kind in dir muss Heimat finden" von Stefanie Stahl ist ein Buch über die Aussöhnung mit dem inneren Kind. Mit Stahls Ansatz zeichnet man das eigene Schatten- und Sonnenkind nach. Wir rekonstruieren so die Verletzungen und Ressourcen unserer Kindheit, unsere verinnerlichten Glaubenssätze und die individuellen Strategien damit umzugehen. Sind es doch die eignen Erfahrungen und negativen Selbst-Zuschreibungen, aus denen sich oft unsere Konflikte in Beziehungen, in Freundschaften und im Beruf ergeben - und unsere festgefahrenen Strukturen. Stahl arbeitet mit liebevollerem Vokabular und nennt sie Schutzstrategien . Diese Strategien waren notwendig, in einer Zeit, in der wir abhängig von den Fürsorge-Personen waren. Heute sind wir erwachsen. Viele dieser "Krücken"-Strategien sind umwegig und heute gar nicht nötig. Wir können allein laufen. Das ist die eine große Erkenntnis des Buches, und hoffentlich jeder gut laufenden Psychotherapie, die das Buch keineswegs erset...

Oben ohne / Untenrum frei

2017 tobt #metoo noch durch die sozialen Netzwerke. Im September 2016 wurde "Untenrum frei" im Rowohlt Verlag veröffentlicht. Margarete Stokowski versammelt darin sieben Essays, die vom Frausein handeln, von Freiheit und Gleichberechtigung, von Macht und Unterdrückung, von Sex, von sexuellen Übergriffen, von Scham und der Bedeutung des Redens. Von Frauen von heute. Vom Leben der Frau in westlichen Demokratien, dem Aufwachsen in "Zeiten der Gleichberechtigung" und sie hält den Finger in die Wunde. So frei (von Sexismus) sind wir nicht. Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind. Und andersrum. In "Untenrum frei" illustriert Stokowski ihre Thesen mit autobiografischen Ausflügen in die Kindheit, die Schul- und Uni-Zeit. Dieses provokante Erzählen erinnert auch an Kuttner und Roche, die auch überziehen. Stokowski bleibt aber witzig und klar. Ihre Erfahrungen schildert sie exemplarisch, um die persönlichen Glaubenssätze knapp mit p...

An Act of Now - Ein Glashaus der Gesellschaft

Theater der Welt: Vom Baakenhöft haben die Besucher einen Blick auf den Hafen und stranden zugleich an einem der wenigen, selten bespielbaren Orte. Zwischen Baustelle, Elbe und Hamburgs größtem wachsenden Quartier liegt noch ein Kakao-Speicher. Auf der Stadtseite der Elbe erschließt sich das Theater der Welt ein Stück Kulturland: Haven. Das Festivalzentrum, das nach New York oder Dänemark klingt und Assoziationen von Wasser und Stadt zulässt. Temporär ragt dort das Theaterzelt auf, bauen angehende Stadtplaner und Architekten Schwimmpodeste und rollen Campingwagen als Spielbuden an. Es wird gebaut, gespielt und getanzt. Das Containerdeck mit Elbblick wird nun gegen den Speicher eingetauscht. Eine Lagerhalle mit blassgelben Well-Plastikbeschlägen. Es gibt etwas Verspätung bei An Act of Now. Noch kurz verschwinden wir hinter den Plastikvorhängen der Toiletten. Beim Einlass erhalten die Besucher Kopfhörer. Ein Rauschen an Stimmen. Diffuse Kommentare, Flüstern, Raunen in der Masse sind zu...

Expedition Happiness

Ganz die erwartete Portion Fernweg und Glücksversprechen stillt der Film "Expedition happiness" nicht. Die Filmemacher Felix Starck und Selima Taibi sind keine Hippies, die sich kreativ und ohne Geld durchs Land schlagen. Können Aussteiger digital sein?  Sie tragen saubere Kleidung, Anstrich und Interior ihres Busses riechen noch nach Farbe - und sie sind unterwegs online, posten Bilder von der Reise, um sie zu finanzieren. Vielleicht sind sie digitale Normaden. Sie sind keine Aussteiger-Charaktere, die in der Fortbewegung Glückerleben oder Eremiten, die sich in der Einfachheit der Dinge erden. Sie kaufen, von einem nicht näher erläuterten Startkapital, einen Schulbus und bauen ihn mit Bett, Couch, Küche und Bad aus, liebevoll und gemütlicher als manche Single-Wohnung. Immerhin ist das Bau-Projekt schon ein eigenständig herausforderndes, ganz unabhängig von der Reise. Die führt sie dann von Alaska bis nach Mexico. Unterwegs online Und zu den Selfies...

Nicht-Mutter-Wunsch

Ein Buch, das vom freiwilligen Nicht-Kinder-Kriegen handelt. Selten. Eine dringend notwendige Betrachtung ist Sarah Diehls Steitschrift "Die Uhr, die nicht tickt" . Mit Erfahrungsberichten und Interview-Auszügen ergründet sie anschaulich Lebensentwürfe ohne leibliche Kinder. Mit der großen Verunsicherung beim Nein zum Kind, das eher ein Nein zum Muttersein meint, findet sie gesellschaftliche Erklärungen und spannt den Bogen von historisch begründeten, gesellschaftlich normierten hin zu sozio-psychologischen Ansätzen. Sachlich listet sie über ihre Gesprächspartner strukturiert die Argumente gegen die natürliche Elternschaft, die viele als einzig echte soziale Fürsorge und Sinnhaftigkeits-Generator annehmen. Dabei zeigen Studien das Gegenteil. Sie räumt auf mit der Panikmache vorm demografischen Wandel, dem Mythos der späten Reue, dem Fachkräftemangel, der Rentensicherung, ... denn mehr Kinder versprechen nicht mehr Wohlstand. Auch die egoistische Motivlage und die traurige...