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Es werden Posts vom 2016 angezeigt.

Wir sind zu schwer.

Enttäuschend sind sie, dieser Kasimir und diese Karoline, versinken im Klamauk eines hinreißend schweren Bühnenbildes. Die riesigen silbernen Ballons schweben bedrohlich über den Köpfen der Spielenden. Dann sinken sie und fallen dumpf zu Boden, in kleinen Amplituden springen sie in die Stille. "Sind wir zu schwer? Heißt das, wir passen nicht zueinander? Heißt das, wir trennen uns?", fragt Kasimir (Mirco Kreibich) die Karoline (Maja Schöne), die sich gerade (auf dem Ballon) davon schwingt. Er, der Pessimist. Sie, die Melancholikerin. So heißt es, aber man spürt die Charaktere nicht. Es ist nur ein Treiben, das Münchner Oktoberfest fungiert als Setting und so ersaufen sich alle im Dialog des Nichts in diesem Spiel. Das geht auch ohne Beckett. Kasimir hat gerade sein Fahrgeschäft verloren. Vielleicht ist es Zufall, dass Karoline sich genau jetzt für andere Männer zu interessieren beginnt. Ein, zwei, drei - gleich. Sie trägt ihren dünnen Körper - um Aufmerksamkeit...

Beruhigend, diese dunklen Wogen

"Eigentlich ganz bezeichned, dass du es nur dann magst,  wenn das Meer grau und bedrohlich ist." Frühstückstischtränen im Finale, als der Bogen zu einer Kindheitserfahrung geschlagen wird. 180° Meer kreist um die Protagonistin Jule, deren Seele von einer schrubbeligen Schicht Hornhaut überzogen zu sein scheint. Ihre Gefühlsregungen sind still, außen nicht sichtbar, innen herrscht ein dumpfes Brodeln, dem sie sich entzieht, indem sie den Blick zu Boden wirft. Die Nähe in der Partnerschaft findet sie in Tims Achselhöhle, in die sie sich wohlig intim verkriecht. Oder in den Seitensprüngen mit Andreas, Relikt der leichten Nähe, aus einer anderen Zeit. Von winselnden Anrufen ihrer Mutter begleitet, fehlt es ihr an Mut und Selbstvertrauen, ihrem Vater unter die Augen zu treten. 

Romeo und Julia - ein Drama in Jugendlichkeit und Klang

Unbedingt und ans Herz gelegt: Die Trägodie von Romeo und Julia - gerade wegen der Durchlässigkeit und Dramatik, mit der die wunderbare Anja Plaschg (Soap&Skin) die Steckel-Inszenierung musikalisch durchdringt. Musik ist wie pure Emotion. Rasende und tanzende Jugendliche verkörpern das Volk und durchqueren das Stück, das Jauchzen und Gänsehaut unter Sternen-Lichterketten bringt. Steckel packt Julia ( Birte Schnöink ) und Romeo ( Mirco Kreibich ) in zeitgemäße Outfits. Und lästt die Montagues mit einem schnoddrigen Slang herziehen. Es passt zum Gekicher der Schüler um mich in den ersten Reihen. Unter Schülern bin ich, weil die am Samstagabend nichts ins Theater wollten, Karten geerbt. Spontan beglckt. Zum Ende im Todenkampf, der Situation des Abschieds, wo die musikalische Julia wie der Tod über die Bühne streicht. Das baut sich ein überaschenden Kuss in die Aufführung, und ein fragend schauender Mirco Kreibich, den eine Anja Plaschg wohl etwas überwältigt hat. mehr_ https://...

Verblassende Pastelltöne

Unter dem Namen My Fair Lady ist der Stoff von George Bernard Shaw bekannter. In der Pygmalion -Inszenierung am Thalia Theater drehen die estnischen Regisseure  Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo nicht nur die Geschlechterrollen um. Subtil formulieren sie darin ein Bild vom Blick der angenommenen Normalität auf das Andersartige, das zu Formende. Eliza taucht dort als ein dicklicher und kindlich wirkender Mann mit Akzent auf, gespielt von Kristof Van Boven . Professor Higgins (Oda Thormeyer) und Pickering (Marina Galic) werden von Frauen gespielt, nehmen den stotternd Strandenden unter ihre Fittiche. Er soll lernen. Er soll zahlen. Er bringt zu Beginn keinen vollständigen Satz heraus. Er wird an die Hand genommen, er wird herum geführt. Er wird gewaschen. Er wäscht, wäscht, wäscht sich -  von Kopf bis Anzug. Er tanzt mit seiner Ungezwungenheit in die bornierten Pastelltöne der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Wie erfolgt die Integration in die Monotonie? Er irritert, wird besta...

Fundstück: Über die Kritiker

Interviews sind so töricht. Die Presse missversteht mich immerzu, ich halte mich fern von ihr. Sie fragen mich nach der Aussage meiner Stücke, aber es gibt keine Aussage. Was ich zu sagen habe, sagen die Texte. Die Journalisten drehen mir die Worte im Munde herum und suchen nach verborgenen Lösungen für irgendwelche Rätsel. Ich habe keine Lösungen. Wenn ich lese, was ich geschrieben haben soll, verstehe ich kein Wort . Samuel Beckett

Eine wunderbar ambivalenter Blick auf das Leben

Unerwartet: Paolo Sorrentino komponiert wunderschöne Szenen und Bilder im Film "Ewige Jugend". Er lässt die kuriosen Charaktere in einem Schweizer Kur-Hotel trotziger - und weniger anrührend als der Trailer deutlich zu machen versucht - über die Kunst, das Schaffen, das Altern aber auch Freundschaft und Familie sinnieren.