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Es werden Posts vom 2024 angezeigt.

Emilia und Orsina

Weiblichkeit im Reifrock, in die Enge gestaucht, gefangen. Leise, unsichtbar, sprachlos taumelt sie durchs mint-grüne Bühnenbild aus Mauern. Wartepositionen. Alle reden über sie. Der Graf, der Prinz, die Eltern, der Maler, gar die Gräfin auch. Emilia Galotti kommt im Grunde nur einmal zu Wort im Stück von Anne Lenk am Thalia Theater Hamburg. Wer reißt wen: ER, ER, ER. Was ist mit ihrer Sinnlichkeit, ihrer leisen Lust, ihren Gefühlen. Sie wird laut, wütend. Nur einmal. In ihrer Trennungsaggression gegenüber den Eltern. Destruktiv, aggressiv, aufbegehrend.  Maria Schöne spielt sie beide: die Galotti und die Gräfin, die brave  und die denkende Frau. Fühlen wollen sie. Ich hatte mehr Emilia erwartet, gesucht, doch im 18. Jahrhundert, in dem Lessing das Trauerspiel schrieb, hatten die Frauen keine Stimme und wenig Raum. https://www.thalia-theater.de/stueck/emilia-galotti-2023

In Schopenhauer baden

Irvin D. Yaloms „Schopenhauer-Kur“ (2009, btb) ist ein “seltsame Mischung aus Roman, Psychobiografie und Psychotherapie-Pädagogik”. Der Therapeut Dr. Julius Hertzfeld erhält eine tödliche Diagnose. Vielleicht in der Absicht, etwas abschließend klären oder versöhnen zu wollen, kontaktiert er einige seiner ehemaligen Patienten. Den sexsüchtigen Philip Slate findet er Jahre nach der Therapie verändert vor: kontrolliert, nicht mehr im Labor, sondern als philosophischer Berater tätig, auf dem Weg Psychotherapeut zu werden. Die Therapie bei Hertzfeld habe ihm nichts gebracht, erzählt er direkt beim ersten Wiedersehen. Erst Schopenhauers Werk versprach ihm einen Weg der Linderung und Veränderung. Nun brauchen sich beide nochmal. Der eine die Supervision für die therapeutische Zulassung, der andere die letzte Auseinandersetzung mit dem Unvollendeten. Auch Schopenhauer nimmt Platz Julius, Philip, Pam, Bonnie, Gill, Stuart, Tony und Rebecca sitzen im Stuhlkreis. Auch Schopenhauer nimmt zeitweise...

Alle 16 Jahre eine Tochter

„Kinder trauriger Eltern haben schöne Namen“: 32 Jahre Altersunterschied trennen Matea und Mercedes, dazwischen wird Mira geboren. Mika Sophie Kühmel schreibt in ihrem Roman „Triskele“ (S. Fischer 2022) über drei Schwestern, deren Mutter sich das Leben nahm. 

Eine Hand voll Gewalt

Er kann seine Liebe nur nicht zeigen. Er hat sie gewaltig geliebt.. Kurt, der Anwalt von Ederfingen liebt seine Frau und seine vier Kinder. Es ist eine intensive Liebe, eine kräftige, eine kontrollierende, eine impulsive, eine unkontrollierte, eine gewaltvolle Liebe. Kann man so gewalttätig lieben?  Claudia Schumacher schreibt in ihrem Roman „Liebe ist gewaltig“ (dtv, 2022) über psychische und physische Gewalt in einer wohlsituierten Familie, die in einem Stuttgarter Vorort lebt. Voller Unternehmer, Ärzte und Anwälte. Die Kinder sind beliebt, die Frau ist schön dünn, der Vater hat sich Ansehen erarbeitet. Niemand scheint zu ahnen, dass in dieser Vorzeige-Familie häusliche Gewalt herrscht.

Du versuchst dich zu erinnern

Anne Rabes, geboren 1986, Roman „Die Möglichkeit von Glück“ (2023 Klett-Cotta) ist eine Spurensuche. Es geht um eine Familiengeschichte in der DDR und viele kleine, kollektive Traumata. Das Gesagte, das Gedachte, das Gefühlte.

Niedlich banal zwischen Schwimmbad und Sucht

Der Kitsch und die Einfachheit des Denkens einer Studentin treffen in Caroline Wahls Roman „22 Bahnen“ (DuMont 2023) auf schwere Themen: Suchterkrankung, Parentifizierung, Verlust und Trauer. Diese Themen rieseln so beiläufig in die Handlung um Tilda, die in einem Dilemma zwischen Aufbruch und Verharren steckt: Doktorarbeit in Berlin angehen oder Zuhause die Obhut von Mutter und Schwester stemmen? Sich mal um sich oder weiter um die anderen kümmern? Eng und liebevoll wird die Beziehung der Schwestern beschrieben. Auch Freunde bekommen im Leben von Tilda viel Raum, sie sind wichtige Bezugspersonen. Zwischen Sucht und Liebe Klischeehaft wird die alkohlabhängige und depressive Mutter im roten Kleid, euphorisch, aggressiv, lallend oder schlafend dargestellt. Das klassische Bild der Sucht. Dabei hat sie viele Gesichter. Ich hätte mir eine verstecktere Form gewünscht, eine unsichtbare und normalisierte, die in unserer Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit bekommt, und viel Schaden anrichten ...

Kurt ist weg

Es fiel mir mehrere Male in die Hände und Augen, aber ich traute mich nicht an den Stoff: Den Verlust und die Trauer um ein verunglücktes Kind. In Sarah Kuttners Roman „Kurt" (S. Fischer, 2019) ragt diese Trauer in eine Liebesbeziehung, in der das Kind lebte, und in eine Familie, die der Tod des Kindes zum zweiten Mal trennt und verbindet.  Es gibt darin zwei Kurts, einen großen und einen kleinen. Einen Vater und einen Sohn. Zwei Familien, die Kurt hatte, bevor ... "Kurt hat winzige Augen. Ganz zugeschwollen vom Schlaf und einem schönen Veilchen. Veilchen sollte man vielleicht gar nicht schön finden, zumindest nicht an kleinen Kindern, aber Kurt steht sein Veilchen, zu dem Mund voller wackeliger Milchzähne und der winzigen Boxernase und lässt ihn viel verwegener wirken, als er eigentlich ist. Die Boxernase hat er vom großen Kurt. Ich liege in einem Bett voller Kurts, kleine und große, alle haben Boxernasen und Schlafaugen. Während der große Kurt eine leichte Schnapsfahne zu m...