Irritation hinterlassen die Stereotype im Stück "Nicht Fisch nicht Fleisch" am Theater Freiburg, denn sie hängen fest, nicht nur als Zielfische im System Aquarium sondern auch in der Häuslichkeit der 70er. Bei den kinderlosen Karrieristen Emmi und Edgar leidet er unter Liebesentzug, den er in Körperlichkeit von der versteiften Puppe in Nadelstreifen einfordert. Sex ist da die letzte Möglichkeit, seine beruflich erfolgreiche, selbständige Frau noch im Griff zu haben. Und der Gewerkschafter Hermann arbeitet hart, verdient wenig und kämpft für die Zukunft unserer Kinder. Dabei gefährdet er aber sogleich die Existenz seiner eigenen Familie, wie seine Frau Helga befürchtet. Sie ist Hausfrau und Mutter, eine gute Seele, nützlich, gefügig und verfügbar.
Ihre kleinen Welten brechen alle zusammen – miteinander und nacheinander wie das Hausdach, das als einziges Element der Kulisse durch den Raum schwebt. Die Schauspieler imitieren haltlos dessen Pfosten, die dem häuslichen Konstrukt eine geringe Stabilität geben - und sich dennoch unter ihrer Last neigen, biegen, brechen, stürzen.
Ein drittes Kind hat keinen Platz in der Ein-Mann-Versorger-Familie und Helga treibt es ab, um den Hausfrieden und minimalen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Währenddessen ist Hermann auf einem Gewerkschaftertreffen und sichert die berufliche wie finanzielle Zukunft. Helga dreht durch als selbst die Anerkennung für ihren tapfere Schritt ausbleibt. Egdar hingegen kündigt seinen Job in der Firma "für die anderen". Seine Stelle ist sicher, aber sein Berufsbild verschwimmt und wird verweich[b]licht. "Das können die Damen machen", wenn der traditionelle Maschinensetzer durch Stenografie am Computer ersetzt wird. Die häusliche Rolle steht ihm nicht gut, aber seine Frau kann ihn versorgen. Ein guter Hausmann ist er nicht und Emmi erschrickt, als er ihr heimlich einen Babybauch in ihre Karriere setzt und sie zu beenden droht. Ihr Mann lacht laut. Die anderen schreien manisch, aufgeregt. Nur bewegend oder überraschend ist der Krawall selten.
Der Vergleich zum Fischbecken jedenfalls passt und überzeugt - ausnahmsweise auch in der Rhetorik. Von den vielen Arten Zierfischen spricht Edgar immerzu, davon wie die einen die anderen fressen. Wie Fische müssen sie sich auch fühlen, eingepfercht und beengt in einem Rollenbild, das wir heute unlängst überwinden. Die Regisseurin Johanna Wehner belässt das Stück des Dramatikers Franz Xaver Kroetz genau dort in diesem 30 Jahre alten Aquarium.
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