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Es werden Posts vom 2019 angezeigt.

Wie Liebe heute funktioniert

Eva Illouz erklärt in „Warum Liebe weh tut“ (Suhrkamp, 2018), warum Frauen und Männer heute so schwer zueinander finden. Sie ist Professorin an der Hebräischen Universität von Jerusalem. In ihrer soziologischen Erklärung zitiert sie Expertinnen und Experten, aus Befragungen, Kolumnen und Internet-Foren. Oft wirken die Zitate allzu vertraut. Vom Umwerben zum erotischen Kapital Eingangs vergleicht Illouz die Heiratsanbahnung in der viktorianischen Zeit mit heutigen Zeiten des Online-Datings. Wo früher Stand, Status oder einfacher das Vermögen darüber entschied, wer mit wem zusammenkommt - und die Männer die Frauen umwarben (S. 215), steht heute das sexuelle Kapital der Menschen, das über Status, Stand, Bildung und Geld hinweg Bindungserfolge ermöglicht. „Im 21. Jahrhundert [ist] das erotische Kapital einer Frau Teil ihres ökonomischen Kapitals." Durch höhere Bildungsabschlüsse und anspruchsvollere berufliche Tätigkeiten, aber auch durch ihr erotisches Kapital können Frauen, ...

Wenn ein System in tausend Teile zerspringt – ein Kind zwischen Zerstörungswut und Hilflosigkeit

Ich hatte über den Film "Systemsprenger" schon fast alles gelesen, und doch hat mich Benni, gespielt von Helena Zengel, auf der Leinwand vereinnahmt, berührt und schockiert. Diese große seelische Not einer 9-Jährigen, die in Aggression gegen sich und andere umschlägt. Und ein Hilfesystem, in dem sie nicht aufgefangen werden kann. In dem es kein passendes Angebot zu geben scheint, für ein Mädchen, mit der schon alles ausprobiert wurde – Pflegeeltern , Wohngruppen, Inobhutnahme-Stellen. Bis sie rausfliegt. Nach Gewaltausbrüchen landet sie oft temporär in der Psychiatrie. Fixiert, allein und retraumatisiert. Immer ist es eine Zwischenstation. „Ey, Betreuer!“, die vermeidlichen Bezugspersonen spricht sie nicht mehr mit Namen an. Zur Schule will sie gar nicht. Oft nimmt sie Reißaus. Ein Kind in der Nacht. Ein Kind in der Kälte. Ein Kind im Wald, im Kuhstall, in der Hundehütte auf der Suche. Nach einem Ort, der Heimat ist, der Bindung und Zuverlässigkeit verspricht. Nora Fing...

Ein Buch wie eine Geburt

„Jedes Mal, wenn ich höre, dass eine Freundin ein Baby bekommt, fühle ich mich von einer bedrohlichen Kraft in die Enge getrieben, noch stärker bedrängt denn je.“ (S. 188) Dieses Buch habe ich ein, vielleicht zwei Wochen wie eine verständnisvolle und tröstende Freundin in meinem Beutel mit mir herumgetragen: Sheila Heiti hat über die „Mutterschaft“ (2019, Rowohlt) geschrieben, ohne selbst Mutter zu sein und zeigt, dass man auch anderes zur Welt bringen kann. Ein Buch wie die Folge einer Geburt. Eines Haderns, Ringens, Pressens, Stöhnens, einer Zeit der Aufregung und des Schmerzes. Heiti zeigt darin viel Persönliches. Über ihre Beziehung zu Miles, den Mann, mit dem sie zusammenlebt und der eine Tochter hat; über ihren liebenden Vater und ihre abwesende, arbeitswütige Mutter und ihre jüdischen Wurzeln. Sie sammelt darin Situationen und Dialoge, die sie erlebt – auf der Lesereise, unter Freunden und im Privaten. Freundinnen, die von ihr als Mutter träumen; Frauen, die kinderlosen ...

Keine Angst, liebes Kind

Nina Pauer beschreibt in „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation“ (2012) eine Generation, die in den 80ern Kind war. Eine, die sie gut kennt. Über die sie in Wir-Form schreibt: An unseren Zahnputzbechern prangten Anti-Atomkraft-Aufkleber und wir wurden mit einer abstrakten Ahnung davon groß, dass saurer Regen nicht gut ist. Mit Tschernobyl im Nacken wuchsen wir mit BSE, Take That und Akte X im Kopf auf. In einer Welt, in der es alles gab. Sogar Internet. Aber es gab keinen "richtigen" Krieg, keine wirklichen Sorgen, keine große Angst. Das elterliche Credo „Ihr habt doch alles“ begleitete uns. Dann mach mal was draus. So viel Raum zur Selbstverwirklichung. Verirren wir uns so nicht? Ganz leise ahnen wir, dass unsere jahrelang eingeübte völlige Angstbefreitheit ein bisschen naiv ist. […] Mit uns ist die große Angst verpufft. Pauer kreiert zwei Angst-Typen, mit denen sich die Leser identifizieren können: die ehrgeizige, beliebte, perfekte Anna u...

Ein Klicken durch die Jahreszeiten

In Isabelle Lehns Roman „Frühlingserwachen“ begleitet man die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, durch die Jahreszeiten. Er beginnt mit dem Frühling.  Frühjahrsmüdigkeit, die; Substantiv, feminin. Des Frühjahrs müde zu sein. Der Müdigkeit müde zu sein, erneut dieses Leben zu führen.  Der Roman ist wie eine Dia-Show. Klick und es schiebt sich einen neues Bild, eine neue Szene auf. Lehns Protagonistin oder alter Ego ist zu Hause beim Freund, am Schwitzen, am Bluten, ist depressiv, nur ein klein wenig oder eher in stetiger Angst davor. Dann ist sie bei einer Lesung, der Buchmesse, geht aus und fremd. Sie liebt, nein lebt den Exzess. Medikamente, Alkohol und Sex. Sie besucht Kinderwunsch-Zentren und ihren Therapeuten. Sie erzählt von Freundinnen, verschiedenen, a uch Müttern oder Schriftstellerinnen. S ie sind ihr alle wichtig, das spürt man. Und zwischendrin verweist sie – nie aufdringlich oder gekünstelt – auf Autoren und Stoffe, die sie bewegen und zitiert ...