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Von Guggenheims Kuschel-Kolonie oder der Eskapismus-Kavallerie der Queen

In „Schlafende Hunde“ porträtiert Anja Rützel acht Menschen und ihre Hunde. Von Hundemenschen und Misanthropen: Menschen, die sich dem Speziesismus verschrieben hatten, ehe er einen Namen bekam, die den Hund wie einen Menschen betrachten oder ihn gar dem Menschen vorziehen. Pets before people. Die Hunde, meist mehrere, begleiten sie durchs Leben, oft sind sie auch in den letzten Stunden an ihrer Seite, sterben dann, wenn der andere geht. Dabei geht es um Hunderassen, -namen, Züchtergeschichten und Anekdoten aus dem Leben der berühmte Menschen und ihren Haustieren. Jedes Mensch-Hund-Paar hat Rützel wunderschön illustriert - mit einem brav sitzenden Hund in Aquarell. Oft erfüllt die Liebe zum Tier eine Funktion. Sie füllen die Leere und Einsamkeit, sind Ersatz oder Projektionsfläche, sind Zuhörer, Therapeuten, einfach leise, weich und treu. Und diese unterschiedlichen Tier-Mensch-Beziehungen faszinieren vielleicht auch Nicht-Hundemenschen.




„Der Hund legt sein Leben in deine Hände. Er macht dich völlig verantwortlich für sein Überleben, wie ein Kind. Aber das Kind hat keine Wahl. Der Hund gibt sich freiwillig.“ (S. 25)  Michel Houellebecq & Clement

„Mein Hund ist durchsichtig wie Glas.“ Während nämlich der Mensch ständig reflektiere, taktiere und über abstrakte Motive nachdenke, lebe der Hund, wie alle anderen Tiere, ganz in der Gegenwart. Und erinnere darum im Idealfall auch seinen Menschen daran, mit dem Kopf mehr im Jetzt zu bleiben. Der Hund als Achtsamkeitscoach, … und „personifizierte Gegenwart“ (S. 58f) Arthur Schopenhauer & Butz

„Diverse Päppelnde, denen Monroe kurz Pflegemutter war - bietet reichlich Material für laienpsychologische Projektionstheorien. In verlassenen Hunden sah sie aber womöglich wirklich immer auch ein Stück ihrer kindlichen Verlorenheit, die sich nun auch nachträglich nicht mehr kitten ließ - auch wenn sie es versuchte, ein armes Stolperhündchen nach dem anderen.“ (S. 74f), Marilyn Monroe & Mag

„Mit Lump war es fast, als wären die beiden wesensverwandt, sagte Ducan: „Ich glaube, Picasso hat ihn so geliebt, weil sie beide loner sind.“ Loyalitätsflexible Typen, die ihr Herz unklaubar im Baugurt tragen, die sich mit einer einzigen, fließenden Bewegung an einen ranschmusen und gleichzeitig unauffällig nach dem Autoschlüssel tasten - oder nach dem Quietschknochen, egal. Oder wie Ducan es formulierte: „Beide waren zu großer Wärme fähig, aber letztlich lebten sie tief im Inneren doch in ihrer eigenen Welt.“ Ein selbstverknallter Künstler, ein Dandydackel, paradox vereint in Eigensinn. Und beide so effektiv trotz-imprägniert, das jede Schmeichelei, alles kalkulierte Chargieren an ihnen abperlte. Er wisse nicht genau, was Lump für ein Wesen sei, sagte Picasso, auf jeden Fall weder Hund noch Mensch, sondern „wirklich jemand anderes“. (S. 100) Pablo Picasso & Lump

„Jahrzehntelang hatte Freud im Gefühlschaos der Menschen herumgewühlt, in seinen dunklen Trieben gestochert, an verqueren Verknotungen herumgebastelt, all seine Widersprüche und Irrationalität sorgfältig vor sich ausgebreitet, ihn interpretiert, analysiert, inhaliert. Es ist eine besondere Form der Schönheit, dass er sich am Ende seines Lebens dann so bewusst für die Wesen entschied, bei denen es nichts zu psychohubern gibt, weil sie so offensichtlich und unverstellt sind…“ (S. 126f) Sigmund Freud & Jofi

„Der „flying carpet“, von dem Diana sprach, war eben eine Multifunktionstextilie: Wenn die Queen die Hunde im Laufe ihrer Regentschaft zu öffentlichen Auftritten mitnahm, hatte sie mir ihnen auch ein nicht auf den ersten Blick zu identifizierendes, beruhigendes Schnuffeltuch dabei. Ihre Corgis mochten kurzbeinig und nicht sehr furchteinflößend sein Aber sie waren eine extrem zuverlässige Eskapismuskavallerie, die auf Stummelpfoten entlanggaloppierte, wann immer die Königin kurz vorm Königsein gerettet werden musste.“ (S. 151) Queen Elizabeth II. & Susan

„Es sei doch absurd zu behaupten, dass Tiere aus dem nichts Geschaffen und nach dem Tod wieder darin versinken würden, während Menschen, die ebenfalls aus dem Nichts entstehen, nach dem Leben exklusiv als unsterbliche Seelen weiterleben sollen.“ (S. 212) Richard Wagner & Russ

„Peggys Vater, den sie sehr liebte, versank mit der Titanik, als sie 14 Jahre alt war, sie erfuhr, dass er wohl in Begleitung seiner Geliebten war, was den Schmerz nur noch brennender machte. Also rettete sie sich in die Dingwelt … sie würde erst später lernen, Hunde zu lieben, und zwar unbändig und maßlos, dass sie im letzten Drittel ihres Lebens stets von einem kleinen Rudel umgeben sein sollte. Männer begriff sie dagegen schon früh als Sammelobjekte, als nicht abreißende, in ihrer konkreten personellen Besetzung fast abstrakt wirkende Reihe von Affären - man spürt keinen Verlustschmerz, wenn man erst gar nicht vor hat, etwas zu behalten.“ (S, 217f) Peggy Guggenheim & Kachina

„Der zweitberühmteste Hund, den man mit Churchill in Verbindung bringt, ist nur ein ausgedachter: der „schwarze Hund“, der in trüben Phasen bei ihm auftaucht und sich bei ihm niederlässt, ein Methapherntier für mögliche Depressionen.“ (S. 241) Winston Churchill & Rufus

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