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Falschinformationen - das Gift in unserer Informationsgesellschaft


Sozialpsychologin Pia Lamberty und Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun schreiben ein Buch, das hilft – zu verstehen, wie Verschwörungsideologien entstehen und wie man mit Menschen umgeht, die drohen im „Kaninchenbau“ des Internets verloren zu gehen.  
Je länger mit der Intervention gewartet wird, desto schwieriger wird es in der Regel
Die Autorinnen fahren in "True Facts – Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft" (2021, Quadriga) eine Fülle an Wissen um bestehende Verschwörungsmythen und sich historische wiederholende Narrative auf. Wie Antisemitismus mit Impf-Angst, wie die Furcht vor einer Corona-Diktatur mit Kontrollverlust und Hilflosigkeit und wie Verschwörungsglaube mit der Suche nach Mustern, Vorhersagbarkeit und Gruppenzugehörigkeit zusammenhängen: Um diese Fragen geht es in dem Sachbuch. 
 
Dabei decken sie von psychologischen Motiven, Bedürfnissen, Persönlichkeitsstilen und trügerischen Effekten über die Wirkweise von Verschwörungsideologien hin zur Kommunikation alle Aspekte ab. 
Menschen, die überall Verschwörungen wittern, tun das auch, weil sie von sich auf andere schließen. Denn wenn sie die Möglichkeit hätten, an einer Verschwörung teilzunehmen, würden sie derartige Pläne eher selbst umsetzen wollen. Es geht hierbei also um Projektion – man schließt von sich auf andere. 

Wie Verschwörungserzählungen funktionieren

  • Suggestivfragen, die eine Faktenlage unterstellen, aber weder Beweis als auch nur eine Antwort liefern 
  • Cui bono? Weil etwas jemandem nützt, muss es keinen Kausalzusammenhang geben
  • eindimensionale und überzeichnete Feindbilder
  • Angstrhetorik „Wir werden alle belogen“
  • Hauptsache, gegen den Strom: Schlafschafe, Marionetten und Systemlinge – über andere erheben, um sich besonders zu fühlen
  • Pseudowissenschaft – nur Studien, die die eigene These untermauern, werden genutzt und gegenläufige Forschungsergebnisse ignoriert
  • Fragwürdige Experten und Prominente als Türöffner, Einzelmeinungen statt wissenschaftlicher Konsens 
  • Umgang mit Kritik: Meinungsfreiheit wird angeführt, um sich nicht mit Kritik auseinanderzusetzen 
  • Echte Verschwörungen als Scheinargument 

Psychologisierung führt zu Entpolitisierung 

Mit der Psychologisierung im Alltag oder Ferndiagnosen in der Medienberichterstattung nach Gewalttaten gehen die Autorinnen ins Gericht. „Rechtsextremismus und gewaltbereiter Islamismus seien nicht Ausdruck einer Depression oder Psychose.“ So würde den Täter:innen die Verantwortung für das Handeln abgesprochen. Diese Bagatellisierungstaktik lähme politisches Handeln. Außerdem fördere sie aber die Stigmatisierung: „Die Psychologisierung von gesellschaftlich unliebsamen Phänomenen führt dazu, dass weit verbreitete Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen erhalten bleibt.“ 

Gesprächsführung bis digitale Zivilcourage 

Lamberty und Nocoun geben Tipps zur Intervention, Gesprächsführung und für einen Crashkurs Medienkompetenz und steigen in die Relevanz von Faktenchecks und digitaler Zivilcourage ein. Die Autorinnen schließen mit einem deutlichen Appell:
Verschwörungsideologien vergiften nicht nur auf menschlicher Ebene das Miteinander – das alles hat immer auch Folgen für unsere Gesellschaft als Ganzes. Wegsehen und hoffen, dass sich das Problem irgendwie von allein lösen wird, ist daher keine Option.

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