Karen Köhler katapultiert mich mit „Miroloi“ (2019, Carl Hanser Verlag) in einen befremdlich reaktionären Albtraum, an einem verlorenen Ort oder eine Dystopie, die gegen Ende des Romans sanfter wird.
Eine Außenseiterin mit einem kaputten Bein, die sich herkunftslos in einem Patriarchat verirrt hat: Folgt man der namenlosen Protagonistin, fließt man durch ein Buch, dessen kurze Kapitel 128 Strophen sind. Der Gesang ist düster, lieblich. Die Sequenzen steigern sich in einem klassischen Aufbau. Erst mag ich die junge Frau nicht begleiten, die in dem bergigen Dorf auf der Insel nichts ist und keine Rechte hat, den Kopf senkt und mit Anfeindungen und Beleidigungen im Alltag gewohnt umgeht. Es erscheint mir zu ungewohnt, Ort und Zeit nicht greifbar.

„Eselstute. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht.“ (S. 9)
Doch das Findelkind hat es beim Bethaus-Vater gut. Er hat es bei sich aufgenommen, so darf sie wenigstens etwas sein. Wenn auch nicht viel. Dann arbeite ich mich zu den Stellen, wo sie Freundinnen trifft, die sie beim Nähen und Backen aufklären, ihre Knospe (Klitoris) entdeckt, wie ihr der Bethaus-Vater das Lesen lehrt und ihr damit die Welt greifbarer wird, verständlicher, transparenter. Das Schwimmen lernt sie, an einem versteckten Ort am Meer, in der Nacht, und sie lernt die Liebe kennen, verboten und geheim.
Köhlers Sprache ist gespickt von Neologismen: Die Korabel ist das Gottesbuch der Insel. Pujachatt heißt die Messe dort. Die Gemüsesorten und traditionellen Gerichte tragen Namen wie Melanzane, Patates, Domates, Favabohne und Darka-Brot. Mariah, Noura, Yael, Sofia, Jakup, Kristof: Die Herkunft der Namen der Figuren erinnern an die Bibel, vielleicht den Nahen Osten oder einfach nur eine Insel in Griechenland.
„Die Wolken haben sich in den Windmühlen verheddert, sie kommen den ganzen Tag nicht von ihnen los.“ (S. 160)
In „Miroloi“ geht es um Unterdrückung, Gewalt, sexuellen Missbrauch, den Mob, die Kraft der unwissenden Masse, den Widerstand gegen Fortschritt und Veränderung und das Einrichten in alten Rollen, einem veralteten Gesellschaftsmodell. Der Vorsteher, der Ältestenrat, der Lehrer, der Arzt und der Händler: Hier entscheiden die Männer. Die Frauen kochen, kümmern, waschen, gucken, backen, ernten, mischen Heilkräuter. Sie dürfen nicht lesen und nicht schreiben. Nicht schwimmen und nicht lieben. Dabei sind selbst die Männer unglücklich, so verraten es die Wünsche am Baum. Und es kommt noch schlimmer. Der Bethaus-Vater stirbt. Mit Einzug des neuen ins Bethaus verschieben sich die Macht-Verhältnisse auf der Insel, die Korabel wird umgeschrieben. Plötzlich müssen die Frauen ihr Haar bedecken, tragen Mundlappen und dürfen abends nicht mehr hinaus: Ausgangssperre und Alkoholverbot. Der Nachrichtensprecher Michalis wird abgeschafft. Es gab selten viel zu berichten. Nun gar nicht mehr und noch weniger Gleichberechtigung und Freiheiten.
„Dann heftet sich wieder der Tod mit seiner riesenhaften Größe in meine Gedanken und überschattet alles. Ich bin aus meinem Leben gefallen wie ein Planet, bei dem die Sonne erloschen ist. Jetzt hänge ich da in endloser Leere, in ungeheurem Schwarz, habe kein Zentrum mehr und weiß nicht, um was ich kreisen soll.“ (S. 289)
Verlust, Rituale, Tod: Zwischen Regelbruch, Gesetz und Natur springt ein Funken Hoffnung. Freundschaft und Liebe, die Grenzen überwinden, die die Kraft bergen, Neues zu wagen. Das Gute im Menschen, und das Böse. Letzteres überwiegt auch in Karen Köhlers „Miroloi“, es ist ein Totenlied.
Eine Außenseiterin mit einem kaputten Bein, die sich herkunftslos in einem Patriarchat verirrt hat: Folgt man der namenlosen Protagonistin, fließt man durch ein Buch, dessen kurze Kapitel 128 Strophen sind. Der Gesang ist düster, lieblich. Die Sequenzen steigern sich in einem klassischen Aufbau. Erst mag ich die junge Frau nicht begleiten, die in dem bergigen Dorf auf der Insel nichts ist und keine Rechte hat, den Kopf senkt und mit Anfeindungen und Beleidigungen im Alltag gewohnt umgeht. Es erscheint mir zu ungewohnt, Ort und Zeit nicht greifbar.
„Eselstute. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht.“ (S. 9)
Doch das Findelkind hat es beim Bethaus-Vater gut. Er hat es bei sich aufgenommen, so darf sie wenigstens etwas sein. Wenn auch nicht viel. Dann arbeite ich mich zu den Stellen, wo sie Freundinnen trifft, die sie beim Nähen und Backen aufklären, ihre Knospe (Klitoris) entdeckt, wie ihr der Bethaus-Vater das Lesen lehrt und ihr damit die Welt greifbarer wird, verständlicher, transparenter. Das Schwimmen lernt sie, an einem versteckten Ort am Meer, in der Nacht, und sie lernt die Liebe kennen, verboten und geheim.
Köhlers Sprache ist gespickt von Neologismen: Die Korabel ist das Gottesbuch der Insel. Pujachatt heißt die Messe dort. Die Gemüsesorten und traditionellen Gerichte tragen Namen wie Melanzane, Patates, Domates, Favabohne und Darka-Brot. Mariah, Noura, Yael, Sofia, Jakup, Kristof: Die Herkunft der Namen der Figuren erinnern an die Bibel, vielleicht den Nahen Osten oder einfach nur eine Insel in Griechenland.
„Die Wolken haben sich in den Windmühlen verheddert, sie kommen den ganzen Tag nicht von ihnen los.“ (S. 160)
In „Miroloi“ geht es um Unterdrückung, Gewalt, sexuellen Missbrauch, den Mob, die Kraft der unwissenden Masse, den Widerstand gegen Fortschritt und Veränderung und das Einrichten in alten Rollen, einem veralteten Gesellschaftsmodell. Der Vorsteher, der Ältestenrat, der Lehrer, der Arzt und der Händler: Hier entscheiden die Männer. Die Frauen kochen, kümmern, waschen, gucken, backen, ernten, mischen Heilkräuter. Sie dürfen nicht lesen und nicht schreiben. Nicht schwimmen und nicht lieben. Dabei sind selbst die Männer unglücklich, so verraten es die Wünsche am Baum. Und es kommt noch schlimmer. Der Bethaus-Vater stirbt. Mit Einzug des neuen ins Bethaus verschieben sich die Macht-Verhältnisse auf der Insel, die Korabel wird umgeschrieben. Plötzlich müssen die Frauen ihr Haar bedecken, tragen Mundlappen und dürfen abends nicht mehr hinaus: Ausgangssperre und Alkoholverbot. Der Nachrichtensprecher Michalis wird abgeschafft. Es gab selten viel zu berichten. Nun gar nicht mehr und noch weniger Gleichberechtigung und Freiheiten.
„Dann heftet sich wieder der Tod mit seiner riesenhaften Größe in meine Gedanken und überschattet alles. Ich bin aus meinem Leben gefallen wie ein Planet, bei dem die Sonne erloschen ist. Jetzt hänge ich da in endloser Leere, in ungeheurem Schwarz, habe kein Zentrum mehr und weiß nicht, um was ich kreisen soll.“ (S. 289)
Verlust, Rituale, Tod: Zwischen Regelbruch, Gesetz und Natur springt ein Funken Hoffnung. Freundschaft und Liebe, die Grenzen überwinden, die die Kraft bergen, Neues zu wagen. Das Gute im Menschen, und das Böse. Letzteres überwiegt auch in Karen Köhlers „Miroloi“, es ist ein Totenlied.
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