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Von Kisten und Kauzigkeit

Das Haus, das Meer und die Stille. Das Leben in der Wohnung an der Straße, auf dessen Balkon die Neon-Leuchten der Tankstelle fallen, und die monotone Arbeit in der Zigarettenfabrik, dieses Leben liegt hinter ihr. Da gab es die Kiste, den Zauberer, dessen Frau und das Angebot, mit ihnen als die zersägte Assistentin auf Tour zu gehen. Den Ex, der sich nun in zwei Wohnungen zubaut, in Material für den Notstand versteckt, sammelt, liest, hortet. Und ihre Tochter, volljährig, schickt von ihren Reisen durch die Welt nur Signale und Koordinaten. Einsilbig. Ihm schreibt sie aber, lange Briefe.


Der Nager im Haus, die Falle und die Nachbarn

In Judith Hermanns neuem Roman „Daheim“ geht es um eine Frau, die in ein kleines Haus am Haff zieht. Es ist still dort, nachts nagt es und einmal stehen die Türen offen, die Einsamkeit weht herein. Hier lernt sie die Nachbarin Mimi kennen, eine lebendige Frau, die sie zum Abendschwimmen und anderen Abenteuern auffordert. Sie trifft den Bauern Arild, der gut im Fallen bauen ist und das Leid seiner Haufen Tiere stumm übersehen kann. Und schläft mit ihm. Ganz in der Nähe betreibt ihr Bruder eine Gastwirtschaft. Er empfindet für ein unsicheres haltloses Mädchen eine große Zärtlichkeit und fährt sie brav zum Kartenspielen in die Wohnwagen-Siedlung. Er weiß nicht, was sie dort tut und ob sie bei ihm bleibt.
Nike ist als Kind in einer Kiste eingesperrt gewesen. Ihre eigene Mutter hat sie in die Kiste eingesperrt, manchmal nur eine Stunde, manchmal ein paar Tage lang. Je nachdem. Je nachdem, wie es Nikes Mutter ging, was sie zu tun hatte, ob sie wohin musste, Besuch bekam, nicht gestört werden wollte. Je nachdem, wie Nike sich benahm, ob sie machte, was man ihr sagte oder ob sie sich zur Wehr setzte, nicht machte, was man ihr sagte. Möglicherweise weinte, eine Art von Widerstand leistete, was anderes wollte. Was eigenes. (S. 68)

Vage Begegnung

Judith Hermann ist eine Meisterin darin, Stimmungen zu zeichnen, ich liebe ihre Erzählungen („Sommerhaus, später“, 2008), in der Mittdreißiger durch Berlin feiern, ehe es hip wurde, sich in Häuser in Brandenburg flüchten und auf Reisen durch die Welt verirren. Immer geht es nur um die Begegnung, das Wesentliche bleibt vage. Oft eilen die Figuren mir altersmäßig voraus, scheinen mitzualtern. Haben plötzlich Familien und erwachsene Kinder, abgelegte Partner und frische Liebhaber.

Heimatsuchend, entwurzelt

Und doch geht es in „Daheim“ nicht so sehr um Heimweh, eher um Heimatlosigkeit oder die Suche nach dem Gefühl von Zuhausesein. Um ein entwurzeltes von Ort zu Ort Fliehen. Ich hatte Einsamkeit und stillen Schmerz erwartet, von der Frau am Meer, die Konfrontation mit sich selbst. Das Haus als Seelengebäude.

Allein unter Menschen

Es geht um knappe Begegnungen und entrückte Menschen, die eigen, kauzig, suchend oder belastet sind. Um das Verschlossensein. Die verborgenen und fest verschlossenen Kisten, die weggeschlossenen Traumata, zerzägt, zerstückelt, fragmentiert, eingesperrt und tief vergraben, die wir mit uns tragen; die sich vorwühlen, die auftauchen an der Oberfläche und die wir freilassen können. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns sicher und gut aufgehoben fühlen. Vielleicht lassen wir dann die Katze aus dem Sack, den Marder aus der Falle, das Kind aus der Kiste.

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