Direkt zum Hauptbereich

Alle 16 Jahre eine Tochter

„Kinder trauriger Eltern haben schöne Namen“: 32 Jahre Altersunterschied trennen Matea und Mercedes, dazwischen wird Mira geboren. Mika Sophie Kühmel schreibt in ihrem Roman „Triskele“ (S. Fischer 2022) über drei Schwestern, deren Mutter sich das Leben nahm. 


Vom Leben bleibt die Trauer

Die Schwestern blicken zurück auf ihre Mutter, die für jede von ihnen eine andere war. In den Kapiteln wechseln sich ihre Perspektiven ab: Sie reflektieren ihr Familienleben zwischen Arbeit und Oma, die Schwangerschaften und Krankheitsgeschichte der Mutter Mone. Die Infos und die Phasen des Suizids wie in einem Sachbuch geschildert, als wolle die Autorin die Töchter nicht nur aufarbeiten, sondern gar aufklären lassen. 

"Alle fünfzig Minuten stirbt ein Mensch an Selbsttötung. Das mag im Vergleich wenig sein - aber es sind trotzdem mehrere tausend Menschen, die diesen Schritt jetzt gerade gehen. Der Schritt auf die Gleise, der Schritt mit dem Seil um den Hals vom Stuhl, der Schnitt durch die Ader, der Schluck aus der Flasche: Suizide sind diese Art von Geschichten, von denen immer mehr auftauchen, je mehr man von sich preisgibt, von der eigenen Erzählung. Etwas wird ausgesprochen, und es wachsen drei Sätze nach oder drei Tote. Und pro Tote drei Trauernde. Und pro Trauernde gibt es drei Lebensgeschichten, die weitergehen. Mindestens. Das ist die Krux, dass es auch darum geht, wie die überleben, die Überlebenden."

Ein Blick zurück aus drei Perspektiven

Mercedes, Mira und Matea blicken auf eine Mone, die über die Jahre oder in ihrer individuellen Wahrnehmung eine andere Mutter war. Ohne große Widersprüche. Eher zwischen Jugend, Glanz und Verfall. Mit knapp 17 bekam sie das erste Kind. Immer wenn eine Tochter im Alter ihrer ersten Mutterschaft war, bekam Mone ein weiteres. Voller Vorsätze der beruflichen Selbstverwirklichung war sie noch mit Mercedes, die so wenig geplant war, wie die anderen drei. Sie erkrankte mit Mira; bekam die jüngste wie zufällig und verlor da ihren Job. So reihen sich alle drei Katzenmädchen ein - in den vaterlosen Haushalt mit Katze Muriel. 

Das zweite Mal Mutter - aus Sicht der Ältesten

„Alles Leben schien auf das rotblonde Bündel übergegangen zu sein, dass trillernd schrie und fuchtelte, ganz selbstverständlich allen Platz einnahm, den es brauchte. Als Kind, auch als fast erwachsenes Kind, gerade wenn man aufgewachsen ist wie ich, dann fügt man sich, nimmt die Rolle an, die angeboten wird. Ich war also da für Mira, weil Omi mich zurechtwies, wenn ich zu lang in meinem Zimmer allein sein wollte.“

Muriels Milchfestmahl

„Muriel verstand noch weniger als ich, was passierte, kackte aus Protest auf die Fußmatten und sprang einmal sogar in Matis Babywippe. Vielleicht war es ein Übermaß an Agilität. Ich sehe noch vor mir, wie sie, ein kleiner felliger Pavillon, zwischen drei festgekrallten Pfotenpfosten aufgespannt, über dem Baby hing, dass ich vor Schreck so fest die Milchtüte packte, dass sie aufplatzte, und doch nicht losstürzte, um einzugreifen. Ich liebte das Tier heiß und innig, es durfte nichts geschehen. Und Muriel - tat nichts. Sie hing über dem schlafenden Kind und zitterte mit den Schnurrhaaren, schlug mit dem Schwanz und sprang dann mit einem Satz vom Tisch, die Wippe wippte kräftig, Mati gähnte, und Muriel trollte sich zu mir und begann, die Milchpfütze zu meinen Füßen aufzulecken.“

Triskele - drei Geschwister

Der Altersunterschied trennt die Geschwister zwar, ihre Kindheit voneinander. Ihre Geschichten sind dennoch eng verwoben, denn die Generationen gehen in dieser Kleinfamilie ineinander über: Den Anhänger in Form der Triskele, aus dem Griechischen ein Dreibein, zeigt drei ineinander verschachtelte Spiralen, hing zeitlebens an der Brust der Mutter.

Kühmel komponiert wunderbar die Perspektiven der Töchter, hopst von Blick zu Blick auf Mutter, Gegenwart und Vergangenheit. Skippt durch ihre Leben. Kapitel um Kapitel. Die 1992 geborene Autorin, schafft Wortblüten des Schmerzes und eindringliche Bilder der Kindheit durch Analogien der Natur - der aufgebrochene Hase, der Computer-Wald, der Milchkampf der Katze.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Ritter von der traurigen Gestalt und die Illusion des Seins

Ein Anti-Held in einer Gegenwelt, die sich ihr verzaubert gegenüberstellt, und wenn in diesem Theaterprojekt "Quijote. Trip zwischen die Welten" eben die Helden zwar Don heißen aber als Frau, Pferd und Wutbürger, als alles und jeder in Erscheinung treten, sind es wohl wir alle, die tölpelig durch diese Welt (ja, sie ist eine Bühne, Shakespeare!) taumeln, spielen um der Realität zu entfliehen, Rüstungen zur Entfremdung tragen, davon reiten um zu begrenzen und doch wiederkehren, um die Energie wie einen Staffelstab weiterzureichen. Wer geben kann, hat alles. Der Ritter von der traurigen Gestalt will seine eigene Geschichte nicht schließen, die er in Transformation durchquert, die lange noch nicht vorbei ist. Die Liebe ist platonisch und er abstinent, um ihr die Geschichte zu schreiben, von den Heldengeschichten, die keine sind. Etwas sein zu wollen, was man nicht ist. Die Geschichte, das eigene Buch fortzuschreiben, eine Figur zu sein - im Leben. Das Scheitern und unvollko...

Hans, schäme dich!

Er zwingt zu Geduld und akustischer Ausdauer. Hans Unstern und Band schwindelt nicht, er überzieht, wie einmal lang Luftanhalten ist das meditativ-psychedelische Schalgzeugsolo, das den instrumentalen Einstieg von  "Bea criminal"  in das Konzert trommelt. Bei  "Ich schäme mich" , setzt die Stimme klangvoll ein. Die Riesentuba und der Mann hinter den Saiten der Harfe klagt vom Mut, den er doch auch nicht hat und zieht die Stirn unter haarigen Augenbrauen in Runzeln. ".. den großen Streichelzoo im Nacken, mit oder ohne dickem Fell bleiben Ratschläge Schläge und Gitterstäbe Gitterstäbe .. "  Unsterns lebendiges Pseudonym reiht sich als Bandmitglied in die Frontrow, klärt auf, was unverstanden blieb. Sie ist Teil der Band. Kein Schwindel? Und eine erstaunlich bunte Truppe, eine Band, die keine optische Einheit bilden muss, um dem Anspruch der Ausgefallenheit und Vielfalt zu entsprechen, nichts ist gefällig oder nur schön. Der Unstern hat Zöpfe, zwei und ...

Eine helgesker Trommler

Synthie-Sounds, düster bis trashig, rythmisch räumt ein Unaufgeräumter Chris Ilmler seine Drums ab, vertieft in Lyrics auf Plastiktüten, säuselt er Unverständliches ins Microphon, das zum Tanzen bewegt, schiebt Kommentare ein, von der Freude über die Anwesenden, nimmt sich selbst auf die Schippe, schüchtern heroisiert er sich, übertreibt und zieht sich in die Klänge zurück, hochkonzentriert und genau, dabei wirkt er anders. Helegeske Einschübe zu den Gesprächen im Publikum, dem Vermieten des Vermietens wegen, in einem lauten, grinsenden Ausbruch inszeniert er Empfindlichkeit oder einfach nur sich selbst. Am Ende, nach der dritte Zugabe, wie ein Kind, dass nicht vom Spielplatz will, versucht er eine Flucht durch die Bücherwand in den Keller, die misslingt, als fühle er sich so vordergründig auf der Bühne nicht so wohl, oder dann, wenn die Instrumente als Burg und Rüstung nicht mehr da sind, wegfallen, dann schämt auch er sich ein wenig. Es hallt nach: "Ich mache mir Sorgen - um N...