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Kurt ist weg

Es fiel mir mehrere Male in die Hände und Augen, aber ich traute mich nicht an den Stoff: Den Verlust und die Trauer um ein verunglücktes Kind. In Sarah Kuttners Roman „Kurt" (S. Fischer, 2019) ragt diese Trauer in eine Liebesbeziehung, in der das Kind lebte, und in eine Familie, die der Tod des Kindes zum zweiten Mal trennt und verbindet. Es gibt darin zwei Kurts, einen großen und einen kleinen. Einen Vater und einen Sohn. Zwei Familien, die Kurt hatte, bevor ...

KURT Sarah Kuttner (Foto vom Buchcover)


"Kurt hat winzige Augen. Ganz zugeschwollen vom Schlaf und einem schönen Veilchen. Veilchen sollte man vielleicht gar nicht schön finden, zumindest nicht an kleinen Kindern, aber Kurt steht sein Veilchen, zu dem Mund voller wackeliger Milchzähne und der winzigen Boxernase und lässt ihn viel verwegener wirken, als er eigentlich ist. Die Boxernase hat er vom großen Kurt. Ich liege in einem Bett voller Kurts, kleine und große, alle haben Boxernasen und Schlafaugen. Während der große Kurt eine leichte Schnapsfahne zu mir rübergehen lässt, liegt der kleine Kurt auf mir. Wie ein Seestern ausgebreitet, bedeckt der für sein Alter etwas zu kleine Körper meinen gesamten Oberkörper." (S. 11)

Geteilte Gefühle, die Pflanzen wachsen leise weiter

Die Ich-Erzählerin Lena ist die Plus-Mutter vom kleinen Kurt oder Freundin vom großen Kurt. Aus der Perspektive gelingt es, eine Distanz zu diesen intensiven Elterngefühlen herzustellen. Die ergießen sich an endlosen Abenden der Trauer hinter verschlossen Türen, zeigen sich in halbleeren Weinflaschen. Trauer ist Stille, ist Schweigen, ist Flucht, ist Wut. Sie selbst, auch verbunden mit dem Kind und auch in Schock und Traurigkeit, ist allein mit ihrem Gefühl. Das anders ist als seines oder ihres. Gerade ging es darum, sich ein neues Haus einzurichten, in einer neuen Gegend einzuleben. Bevor das frische Zusammenleben riss. 

"Kurts bleiches Gesicht, der Schock, der ihn hat versteinern lassen. Die kühle Mechanik, mit der überlebt wird. Essen, trinken, schlafen. Alles in einer vollkommen unorganischen, statischen Abfolge konditionierter Bewegungen. Überraschenderweise hinterlässt einen der Tod erst mal gar nicht nur traurig, sondern vor allem fassungslos. Er wirft eine dicke, undurchlässige Decke aus lähmenden Entsetzen über Hinterbliebene und versucht, sie darunter zu ersticken. Und es ist leicht, darunter zu ersticken, weil man vollkommen versteinert und vom Schock entkräftet keine Energie hat, die Decke zu lüften oder gar wegzustoßen. Man liegt einfach darunter, merkt, wie die Luft immer dünner wird, und beginnt, das eigene Dahinschwinden als angenehm zu empfinden. Als angebracht sogar.

Ich kann Kurts Decke nicht heben, ich habe es versucht. Wir liegen nicht unter derselben. Unter meiner tastet meine Hand immer wider zu seiner Decke rüber, eine Öffnung suchend. Aber Kurts Decke ist schwerer als meine. Und sie ist vollkommen dicht. Auf allen Seiten." (S. 91)

Über den Tod und Tabus sprechen

Den Tod verpackt die Autorin unter Decken, in Gartenpflanzen und Keller. Sie findet Bilder für diese Gefühlszustände, ohne dass sie fremd wirken. Neben all der Verzweiflung spart Kuttner weder das Gute, noch das Intensive aus. Es ist kein trauriges Buch, es handelt von der Gefühls- und Wahrnehmungspalette des Lebens. Kuttners ungenierte Art zu schreiben, was sie sieht, ist wunderbar echt. Auch das Unschöne, das Raue, das weniger Harmonische benennt sie. Das, was oft ausgespart wird: Mundgeruch, nackte Pos, verspielte Freude, unbefriedigenden Sex, Trauer, Schweigen, Tod.

Im Garten wachsen die Pflanzen, obwohl der Aufbau ihres neuen Lebens pausiert, läuft die Zeit kaum spürbar weiter. Die Jahreszeiten wechseln. Forsythien, Magnolien, Rhododendren und Kurts Baum. Etwas bleibt, vieles bleibt.

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