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Eine Hand voll Gewalt

Er kann seine Liebe nur nicht zeigen. Er hat sie gewaltig geliebt.. Kurt, der Anwalt von Ederfingen liebt seine Frau und seine vier Kinder. Es ist eine intensive Liebe, eine kräftige, eine kontrollierende, eine impulsive, eine unkontrollierte, eine gewaltvolle Liebe. Kann man so gewalttätig lieben? 

Claudia Schumacher schreibt in ihrem Roman „Liebe ist gewaltig“ (dtv, 2022) über psychische und physische Gewalt in einer wohlsituierten Familie, die in einem Stuttgarter Vorort lebt. Voller Unternehmer, Ärzte und Anwälte. Die Kinder sind beliebt, die Frau ist schön dünn, der Vater hat sich Ansehen erarbeitet. Niemand scheint zu ahnen, dass in dieser Vorzeige-Familie häusliche Gewalt herrscht.



Die Kinder 

Schumacher schildert aus der Perspektive der jüngsten Tochter Juli das Familienleben und die Wege der Kinder: Alex, Max, Juli und Bruno. Mathematik-Genie Juli ist das Lieblingskind des Vaters, nachdem er den schönen Bruno fallen lassen hat.   
Wer sollte meinen Vater entlarven? Ab der Mittelschicht aufwärts gibt es keine Opfer, erst recht keine Täter.

Das Haus, die Enge, die Verleugnung

Die co-abhängige Mutter und der Narzisst, Gaslighting, Manipulation, Verleugnung: Im Roman  werden psychologische Phänomene plastisch geschildert. Die Mutter, die wie eine Hülle den Glanz und Ruhm schützt. Den Schein sichern. Die Mauern sind dick, an den Teppichen klebt Blut. Und zugleich steht sie ihm zur Seite, stärkt die Fassade. Als er den Sohn straft, beschwichtig sie, balanciert aus, glättet und bäckt Trost in Kuchenform. Auch sie kennt seine Wucht und lässt sie unter eleganten Rollkragenpullovern verschwinden. Sich verschwinden, ein paar Tage. Spurenfrei. Sie ist Opfer und Mittäterin, wenn sie wegschaut. Sie ist zum Zerbrechen dünn. Und hält es irgendwie selbst aus, seine Gewalt, seine Belustigungen, seine Demütigungen. Lächelt das weg. Wieso lässt sie ihn walten, ist so wenig autonom, so wenig mutig?
Plötzlich fühlte ich mich wie ein Fisch, der einen köstlichen Köder geschluckt hat - und dann zerreißt ihm der Widerhaken die Eingeweide. Mama, Papas Menschenfängerin. Immer wieder sammelte sie uns ein, wenn wir wegwollten. Wenn wir kurz davor waren, zum Jugendamt zu rennen, redete sie uns gut zu, las uns jeden Wunsch von den Augen ab. 

Die Gewalt direkt und unterschwellig

„Hat er uns gebrochen?“, fragt Bruno seine Schwester irgendwann. Die Spirale der Gewalt, in dessen Strudel geraten zumindest zwei der Kinder. Alex hat sich brav von der Familie entzogen. Max, der weiche Liebliche, duckt sich in die Defensive, bis er in die Politik geht und den Vater überholt. Aber Juli verliert sich in Partys, Medikamenten und Hochleistungs-Gaming; Bruno wendet sich der Musik, den Mädchen und dem Exzess zu. Schlägereien: Das können sie beide.

Explizite Gewaltdarstellungen schildert Schumacher wenige im Roman. Eine, zwei, drei. Spürbar sind beim Lesen einige. Strafen, Schlägereien, Schnitte, Suizid-Versuche. Der Stoff ist schwerer Tobak und zugleich Suchtmittel. Ihre Worte fließen, sie saugt uns rein in dieses Leid und diesen Kampf der Kinder, so dass man den Roman nur schwer beiseite legen kann. 

Liebe und Geschwisterliebe

Doch der Roman handelt auch von Liebe, echter und unechter Liebe. Es wird kein Hehl aus dieser Liebe von Juli und Sanyu gemacht, dass es Frauen sind, die sich lieben. Es ist einfach so. Bruno und Juli verbindet eine innige Geschwisterliebe, die in dieser Enge zusammen aushalten, jederzeit füreinander da zu sein scheinen, ein stilles Verständnis für ihre Eskapaden teilen. Das Außenstehende nicht verstehen, weil sie die Rohheit ihrer Kindheit nicht ahnen. Juli eilt zum Eklat beim Konzert, wenn er sich in eine Schlägerei verwickelt; Bruno beschützt sie mit den Fäusten vor männlicher Zudringlichkeit. Die beiden halten zusammen, in dem spielerische wirkenden Konkurrenzkampf der Familie, den der selbstbezogene Vater orchestriert.


#ToxischeBeziehung #HäuslicheGewalt #Gaslighting #Verleugnung #Manipulation #Familienleben

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