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In Schopenhauer baden

Irvin D. Yaloms „Schopenhauer-Kur“ (2009, btb) ist ein “seltsame Mischung aus Roman, Psychobiografie und Psychotherapie-Pädagogik”. Der Therapeut Dr. Julius Hertzfeld erhält eine tödliche Diagnose. Vielleicht in der Absicht, etwas abschließend klären oder versöhnen zu wollen, kontaktiert er einige seiner ehemaligen Patienten. Den sexsüchtigen Philip Slate findet er Jahre nach der Therapie verändert vor: kontrolliert, nicht mehr im Labor, sondern als philosophischer Berater tätig, auf dem Weg Psychotherapeut zu werden. Die Therapie bei Hertzfeld habe ihm nichts gebracht, erzählt er direkt beim ersten Wiedersehen. Erst Schopenhauers Werk versprach ihm einen Weg der Linderung und Veränderung. Nun brauchen sich beide nochmal. Der eine die Supervision für die therapeutische Zulassung, der andere die letzte Auseinandersetzung mit dem Unvollendeten.

Auch Schopenhauer nimmt Platz

Julius, Philip, Pam, Bonnie, Gill, Stuart, Tony und Rebecca sitzen im Stuhlkreis. Auch Schopenhauer nimmt zeitweise Platz darin. Genau dann, wenn Phillip Slate aus dessen philosophischen Werken referiert, anstatt seine Gefühle zu offenbaren. Bindungen sind Leid, das Lösen von den Menschen sei somit die Loslösung vom Leid - folgt man Schopenhauers Misantropie ist alles sehr einfach. Slate starrt an die Decke, zeigt wenig Mimik. 

„Das bloße Wissen um seine Existenz hat den Schmerz meiner Einsamkeit gemildert. Nachdem ich sein Werk mehrere Jahre lang immer wieder gelesen hatte, stellte ich fest, dass ich meine sexuellen Probleme überwunden hatte.“ 

Ob Arzt, Unternehmerin, Handwerker oder Juristin: alle teilen ihre Erfahrungen und Verletzungen, rätseln und spiegeln in der Supervision. Nur der Therapeut schweigt und lauscht. In der Regel. In der „Schopenhauer-Kur“ wird Julius Hertzfeld aktiv. Er ist kein Neutrum, denn er teilt seine tödliche Diagnose in der Gruppe. Die Begrenzung seines Lebens schließt auch sein Wirken als Therapeut ein. Seine vergängliche Rolle in der Runde. Er muss das Private teilen, seinen Schmerz, weil die Gruppentherapie begrenzt sein wird.

„Ich bin der Meinung, der Mangel an Gegenseitigkeit in einer authentischen therapeutischen Beziehung ist tatsächlich ein Problem - eine verzwickte Frage.“

Zweiter Versuch der Begegnung - mit Rollenumkehr

War die erste Therapie ein Scheitern. Ist das Wiedersehen, die Aufnahme in die Gruppe - auch ein zweiter Versuch? Therapeut und Patient begegnen sich noch einmal: nur in verwischenden Rollen. Ein aus dem Leben scheidender Therapeut, der Hilfe oder Klärung sucht, sich verletzlich zeigt und ist; und ein ehemaliger Patient, der sich mit Philosophie statt Psychotherapie selbst geheilt hat und nun selbst Therapeut werden will. Wird er es, kann er es - ohne Empathie? 

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