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Niedlich banal zwischen Schwimmbad und Sucht


Der Kitsch und die Einfachheit des Denkens einer Studentin treffen in Caroline Wahls Roman „22 Bahnen“ (DuMont 2023) auf schwere Themen: Suchterkrankung, Parentifizierung, Verlust und Trauer. Diese Themen rieseln so beiläufig in die Handlung um Tilda, die in einem Dilemma zwischen Aufbruch und Verharren steckt: Doktorarbeit in Berlin angehen oder Zuhause die Obhut von Mutter und Schwester stemmen? Sich mal um sich oder weiter um die anderen kümmern? Eng und liebevoll wird die Beziehung der Schwestern beschrieben. Auch Freunde bekommen im Leben von Tilda viel Raum, sie sind wichtige Bezugspersonen.

Zwischen Sucht und Liebe

Klischeehaft wird die alkohlabhängige und depressive Mutter im roten Kleid, euphorisch, aggressiv, lallend oder schlafend dargestellt. Das klassische Bild der Sucht. Dabei hat sie viele Gesichter. Ich hätte mir eine verstecktere Form gewünscht, eine unsichtbare und normalisierte, die in unserer Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit bekommt, und viel Schaden anrichten kann. Selbst Tildas Verliebtsein wirkt so stereotyp, dass ich das Buch vielleicht deshalb so schnell lese. Es verfängt sich kaum. Die Blicke im Bad sind schön, der Kuss auf dem Hochhaus romantisch, aber das Bild vom Auto als Schiff und Seefahrer als Retter ist so ermüdend und langweilig, dass sich mir eine arme Version von „Pretty Woman“ aufdrängt. Vielleicht will Wahl so die Leser:innen die Gefühlsduselei einer Teenagerin spüren lassen. 

Waldlichtung, Supermarktkasse, Schwimmbad

Wahls Roman strotzt voller Markennamen, Adjektive und plakativer Symbole. Zahlwörter sind Zahlen und die Satzstruktur ist oft so einfach wie in einem Online-Text, genau so liest sich dieser Roman. Ich suche die Dramatik und auch in der Sprache nach Blüten. Und einer Stimmung, etwas Verwunschenem in den Orten, nach Mystik in den Dialogen, etwas Überraschendem in den Bildern der kleinen Schwester oder den Träumen der großen. Alle Bilder, die entstehen, sind abgedroschener Kitsch und versinken in einer Niedlichkeit, dekoriert mit Snoopy-Rucksäcken, Mini-Wini-Würstchenkette und Gut&Günstig-Fertiggerichten. In „22 Bahnen“ erscheint alles furchtbar direkt und banal. Das Banale ist größer als die Liebe und größer als Tod und Krankheit. Das Banale des Alltags scheint die Kraft zu sein, auf der alles fußt. Was den Schwestern Halt gibt. Die kleine Ida soll Kämpferin werden.

Die Kriegerin Ida, der Seemann Viktor und die Schwimmerin Tilda

Ist das Bordstein-Hopsen der Schwester ein Zwang? Warum muss das traurige Wohnhaus in der Fröhlichstraße stehen? Ist das Supermarktspiel ein Tick? Ihre festen Bahnen beim Schwimmen, die Mathe-Affinität, die Struktur zwanghaft? Eine Überlebensstrategie. Ich suche nach etwas Verschlüsseltem oder Indirektem, etwas mehr Psychologie im Roman, aber es wird nur klar und einfach und leicht verdaulich erzählt, so ist auch die Sprache: Wie ein Jugendbuch.


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