Theater der Welt: Vom Baakenhöft haben die Besucher einen Blick auf den Hafen und stranden zugleich an einem der wenigen, selten bespielbaren Orte. Zwischen Baustelle, Elbe und Hamburgs größtem wachsenden Quartier liegt noch ein Kakao-Speicher. Auf der Stadtseite der Elbe erschließt sich das Theater der Welt ein Stück Kulturland: Haven. Das Festivalzentrum, das nach New York oder Dänemark klingt und Assoziationen von Wasser und Stadt zulässt. Temporär ragt dort das Theaterzelt auf, bauen angehende Stadtplaner und Architekten Schwimmpodeste und rollen Campingwagen als Spielbuden an. Es wird gebaut, gespielt und getanzt.
Das Containerdeck mit Elbblick wird nun gegen den Speicher eingetauscht. Eine Lagerhalle mit blassgelben Well-Plastikbeschlägen. Es gibt etwas Verspätung bei An Act of Now. Noch kurz verschwinden wir hinter den Plastikvorhängen der Toiletten. Beim Einlass erhalten die Besucher Kopfhörer. Ein Rauschen an Stimmen. Diffuse Kommentare, Flüstern, Raunen in der Masse sind zu hören. In der Massse landen wir auch. Konzertmenge, Demo, kurz vor Apokalypse. Beschilderungen zeigen die Stuhlreihen an, dienen der Orientierung oder als Attrappe? Personen in orangenen Warnwesten, dahinter staut sich das Publikum. Der Bass dröhnt, lässt den hinteren Teil der Halle im Licht aufblitzen: rhytmisch, psychedelisch, bedrohlich. Anspannung macht sich breit. Was passiert gleich? Auf einem Stapler rollen zwei Fluglotsen auf uns zu. Die Scheinwerfer sind auf die Zuschauer gerichtet, grell wie die Lichter auf einem Rollfeld. Überblick nicht verlieren. Sie kommen näher, die Warnwesten laufen los, es kommen noch mehr hinzu, ihre Stäbe diktieren den Weg, los gehts. Euphorie. Wir folgen im Gleichschritt. Berauscht vom Sound auf den Ohren. Wir laufen mit. Nur wenige Impulse und Befehle waren notwendig. Das Publikum auf der Bühne, die Bühne das Spielfeld, ein Feld zum Rollen - ein Lager der Dunkelheit.
Wir nehmen die Plätze auf der Tribüne ein. Das Glashaus ist vielleicht 20 Quadratmeter groß, durch die dumpfen Scheiben dringt warmes Licht. Wie ein beschlagenes Gewächshaus. In ihm sieben TänzerInnen des australischen Ensembles Chunky Move. Mit ihren Posen formen sie ein Stilleben. Dann beginnt das Ringen, das Stürzen, das Flüchten. In den Ecken landen sie wie hingeworfen, die Wände wirken elektrisch und zwingen sie zum Zurückspringen. Sie fallen, stürzen, raffen sich auf, laufen weiter. Wie Domino-Steine fallen sie in ihrer Choreografie um, immer nur das dumpfe Plopp beim Aufschlag, das übergeht in ein schwungvolles Weiterturnen. Kollektives Stürzen bedrückt mich. Es quält etwas, diesen anstrengenden Lebenslauf zu sehen. Das Leben ist Kampf, Konflikt, Streit, Nähe, Distanz, Panik, Wahn, Ruhe, Liebe - irgendwo. Und Tanz. Ungleiche heben sich, die Hagere trägt den Schweren, die Kräftige wird federleicht gehoben. Ein schöner Bruch, die Figuren bilden ein diverses Ensemble, das so widersprüchlich wie harmonisch zueinander fügt. Im Haus komprimiert sich alles, eine kleine Welt, die Gesellschaft. Niemand kann sich aus dem Weg gehen, ohne zu stolpern. Abprallen, stürzen, stützen.
Schließlich: Ein Panikschrei, ein Hilferuf, bringt alles zum Innehalten. Weiße Flagge, Waffenstille. Gebannte Blicke auf das Opfer. Vorbei das Toben. Dann setzt Kichern ein, lautes, irres Gelächter. Der Wahn lässt ihnen die Münder offen stehen. Klebt sich an die Scheiben. Ehe es weitergeht, weil es weitergehen muss.
"You go!" - "No, you go!" - "Yo go!" Der Finger geht eine Runde rum, dann fliegt einer raus. Er zerteilt alles, was er findet. Er verlässt das Haus, rennt, die Bewohner erstarren und kehrt doch wieder. In die Enge, nimmt er wieder seinen Platz ein. Menschen, grausam, ein wenig ... zumindest. Zum Schluss schlüpfen sie wie Tiere aus dem Boden, kriechen rückwärts aus den Löchern, und hängen an den Decken. Spinnentiere. Treiben sich ins Verderben oder in die Freiheit. Brechen aus und ein und weg. Dann gibt es Applaus, dann standing ovations, dann ist Schluss. Der Tanz schweigt.
Regie: Anouk van Dijk
Ensemble: Chunky Move (Joel Bray, Peter Cseri, Lauren Langlois, Alya Manzart, James Vu Anh Pham, Niharika Senapati, Nina Wollny), http://chunkymove.com.au/company/dancers/
http://www.theaterderwelt.de/de/artists/artist/artist-5820.html
Das Containerdeck mit Elbblick wird nun gegen den Speicher eingetauscht. Eine Lagerhalle mit blassgelben Well-Plastikbeschlägen. Es gibt etwas Verspätung bei An Act of Now. Noch kurz verschwinden wir hinter den Plastikvorhängen der Toiletten. Beim Einlass erhalten die Besucher Kopfhörer. Ein Rauschen an Stimmen. Diffuse Kommentare, Flüstern, Raunen in der Masse sind zu hören. In der Massse landen wir auch. Konzertmenge, Demo, kurz vor Apokalypse. Beschilderungen zeigen die Stuhlreihen an, dienen der Orientierung oder als Attrappe? Personen in orangenen Warnwesten, dahinter staut sich das Publikum. Der Bass dröhnt, lässt den hinteren Teil der Halle im Licht aufblitzen: rhytmisch, psychedelisch, bedrohlich. Anspannung macht sich breit. Was passiert gleich? Auf einem Stapler rollen zwei Fluglotsen auf uns zu. Die Scheinwerfer sind auf die Zuschauer gerichtet, grell wie die Lichter auf einem Rollfeld. Überblick nicht verlieren. Sie kommen näher, die Warnwesten laufen los, es kommen noch mehr hinzu, ihre Stäbe diktieren den Weg, los gehts. Euphorie. Wir folgen im Gleichschritt. Berauscht vom Sound auf den Ohren. Wir laufen mit. Nur wenige Impulse und Befehle waren notwendig. Das Publikum auf der Bühne, die Bühne das Spielfeld, ein Feld zum Rollen - ein Lager der Dunkelheit.
Wir nehmen die Plätze auf der Tribüne ein. Das Glashaus ist vielleicht 20 Quadratmeter groß, durch die dumpfen Scheiben dringt warmes Licht. Wie ein beschlagenes Gewächshaus. In ihm sieben TänzerInnen des australischen Ensembles Chunky Move. Mit ihren Posen formen sie ein Stilleben. Dann beginnt das Ringen, das Stürzen, das Flüchten. In den Ecken landen sie wie hingeworfen, die Wände wirken elektrisch und zwingen sie zum Zurückspringen. Sie fallen, stürzen, raffen sich auf, laufen weiter. Wie Domino-Steine fallen sie in ihrer Choreografie um, immer nur das dumpfe Plopp beim Aufschlag, das übergeht in ein schwungvolles Weiterturnen. Kollektives Stürzen bedrückt mich. Es quält etwas, diesen anstrengenden Lebenslauf zu sehen. Das Leben ist Kampf, Konflikt, Streit, Nähe, Distanz, Panik, Wahn, Ruhe, Liebe - irgendwo. Und Tanz. Ungleiche heben sich, die Hagere trägt den Schweren, die Kräftige wird federleicht gehoben. Ein schöner Bruch, die Figuren bilden ein diverses Ensemble, das so widersprüchlich wie harmonisch zueinander fügt. Im Haus komprimiert sich alles, eine kleine Welt, die Gesellschaft. Niemand kann sich aus dem Weg gehen, ohne zu stolpern. Abprallen, stürzen, stützen.
Schließlich: Ein Panikschrei, ein Hilferuf, bringt alles zum Innehalten. Weiße Flagge, Waffenstille. Gebannte Blicke auf das Opfer. Vorbei das Toben. Dann setzt Kichern ein, lautes, irres Gelächter. Der Wahn lässt ihnen die Münder offen stehen. Klebt sich an die Scheiben. Ehe es weitergeht, weil es weitergehen muss.
"You go!" - "No, you go!" - "Yo go!" Der Finger geht eine Runde rum, dann fliegt einer raus. Er zerteilt alles, was er findet. Er verlässt das Haus, rennt, die Bewohner erstarren und kehrt doch wieder. In die Enge, nimmt er wieder seinen Platz ein. Menschen, grausam, ein wenig ... zumindest. Zum Schluss schlüpfen sie wie Tiere aus dem Boden, kriechen rückwärts aus den Löchern, und hängen an den Decken. Spinnentiere. Treiben sich ins Verderben oder in die Freiheit. Brechen aus und ein und weg. Dann gibt es Applaus, dann standing ovations, dann ist Schluss. Der Tanz schweigt.
Regie: Anouk van Dijk
Ensemble: Chunky Move (Joel Bray, Peter Cseri, Lauren Langlois, Alya Manzart, James Vu Anh Pham, Niharika Senapati, Nina Wollny), http://chunkymove.com.au/company/dancers/
http://www.theaterderwelt.de/de/artists/artist/artist-5820.html
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