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Nicht-Mutter-Wunsch


Ein Buch, das vom freiwilligen Nicht-Kinder-Kriegen handelt. Selten. Eine dringend notwendige Betrachtung ist Sarah Diehls Steitschrift "Die Uhr, die nicht tickt". Mit Erfahrungsberichten und Interview-Auszügen ergründet sie anschaulich Lebensentwürfe ohne leibliche Kinder. Mit der großen Verunsicherung beim Nein zum Kind, das eher ein Nein zum Muttersein meint, findet sie gesellschaftliche Erklärungen und spannt den Bogen von historisch begründeten, gesellschaftlich normierten hin zu sozio-psychologischen Ansätzen. Sachlich listet sie über ihre Gesprächspartner strukturiert die Argumente gegen die natürliche Elternschaft, die viele als einzig echte soziale Fürsorge und Sinnhaftigkeits-Generator annehmen. Dabei zeigen Studien das Gegenteil. Sie räumt auf mit der Panikmache vorm demografischen Wandel, dem Mythos der späten Reue, dem Fachkräftemangel, der Rentensicherung, ... denn mehr Kinder versprechen nicht mehr Wohlstand. Auch die egoistische Motivlage und die traurige Suche nach bedingungsloser Liebe und Zusammenhalt stellt Diehl heraus, sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Familie, Beziehung und die Rolle der Frau - damals und heute.

Diehl betrachtet die historische, wirtschaftliche und politische Dimension einer gebärenden Gesellschaft um die Fürsorge-Verantwortlichkeit der Frau. Die Frau steht für Fürsorge, die Frau ist (erst) mit einem Kind vollständig, die Liebe erst dadurch komplett. Kontinuierlich verunsichert durch ein zelebriertes Lebenskonzept, das als naturgegebene Normalität angenommen, eingeredet wird und dessen Gegenentwürfe hinterfragt, als Kompensation oder unglaublich etikettiert werden. Freiwillig kinderlos zu leben hieße sich der gesellschaftlichen Aufgabe als Frau und dem natürlichen Fortgang unserer Existenz zu entziehen. Während die Frau sich im gebärfähigen Alter jederzeit intim zur Lebensplanung befragen lassen, wenn nicht sogar rechtfertigen muss, beim Arzt, vor Kollegen, unter Freunden; werden kinderlose Männer selten mit solchen Fragen behelligt. Frauen leiden an der Mutter-Erwartung wie an dessen Ideal.

Zum Schluss weist sie auf einen noch ausstehenden Wertewandel und reaktionäre Tendenzen hin, ermutigt gleichwohl zu einem aufmerksamen Miteinander und ruft unkonventionelle, keineswegs kinderfreie Lebenskonzepte wie Mehrgenerationenhäuser und soziale Elternschaft in Erinnerung. Sie appelliert an Solidarität und Toleranz statt den Rückzug ins Private und Abtauchen ins bürgerliche Leben und findet ein versöhnliches Nachwort.

Diehl hinterfragt auch das Konzept der Kleinfamilie, eine fest in den Köpfen verankerte Vorstellung von Gemeinschaft, die Maria, eine ihrer Gesprächspartnerinnen, als "Privatisierung" bezeichnet, indem sie "das Potential der Eltern von anderen ebenso wichtigen Bereichen abzieht und über Jahrzehnte bindet. Wenn man das einmal unter diesem Aspekt betrachtet ist die Kleinfamilie eine Art antigesellschaftliche Institution innerhalb der Gesellschaft." Der Beitrag zur Gesellschaft kann auch darin bestehen keine Kinder zu bekommen.


Oft erscheinen uns die Lebensentwürfe der anderen verlockender als die eigenen, und sei es nur für einen kurzen Moment. Wir neigen dazu, zu vergleichen, unsere Entscheidungen auf Richtigkeit abzuklopfen, indem wir andere Lebensentwürfe als Modell heranziehen. Aber die Bedürfnisse, nach denen wir alle unsere Leben gestalten, sind nie universell, sondern sehr persönlich. Wir sollten sie nicht bewerten oder gegeneinander ausspielen, sondern respektieren.


Weitere Links und Fakten:

http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpolitik/242480/essay-gemeinschaft-jenseits-der-kleinfamilie

http://www.zeit.de/kultur/2015-10/frauen-karriere-kinderwunsch-feminismus

http://www.deutschlandradiokultur.de/wenn-die-uhr-nicht-tickt-ueber-das-schlechte-image-der.1005.de.html?dram:article_id=315188

http://femtastics.com/homestories/sarah-diehl-kaempft-fuer-das-recht-auf-abtreibung-und-kinderlosigkeit/

https://www.transform-magazin.de/wer-braucht-schon-kinder/








http://www.bento.de/gefuehle/kinderwunsch-warum-wir-der-umwelt-zuliebe-aufhoeren-sollten-kinder-zu-bekommen-1813533/





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