„Jedes Mal, wenn ich höre, dass eine Freundin ein Baby bekommt, fühle ich mich von einer bedrohlichen Kraft in die Enge getrieben, noch stärker bedrängt denn je.“ (S. 188)
Dieses Buch habe ich ein, vielleicht zwei Wochen wie eine verständnisvolle und tröstende Freundin in meinem Beutel mit mir herumgetragen: Sheila Heiti hat über die „Mutterschaft“ (2019, Rowohlt) geschrieben, ohne selbst Mutter zu sein und zeigt, dass man auch anderes zur Welt bringen kann. Ein Buch wie die Folge einer Geburt. Eines Haderns, Ringens, Pressens, Stöhnens, einer Zeit der Aufregung und des Schmerzes. Heiti zeigt darin viel Persönliches.
Dieses Buch habe ich ein, vielleicht zwei Wochen wie eine verständnisvolle und tröstende Freundin in meinem Beutel mit mir herumgetragen: Sheila Heiti hat über die „Mutterschaft“ (2019, Rowohlt) geschrieben, ohne selbst Mutter zu sein und zeigt, dass man auch anderes zur Welt bringen kann. Ein Buch wie die Folge einer Geburt. Eines Haderns, Ringens, Pressens, Stöhnens, einer Zeit der Aufregung und des Schmerzes. Heiti zeigt darin viel Persönliches.
Über ihre Beziehung zu Miles, den
Mann, mit dem sie zusammenlebt und der eine Tochter hat; über ihren
liebenden Vater und ihre abwesende, arbeitswütige Mutter und ihre jüdischen Wurzeln. Sie
sammelt darin Situationen und Dialoge, die sie erlebt – auf der
Lesereise, unter Freunden und im Privaten. Freundinnen, die von ihr
als Mutter träumen; Frauen, die kinderlosen Frauen ihre freie
Entscheidung nicht abnehmen oder Menschen, die alle mitreden
bei einer ganz privaten Entscheidung.
Verdrängter Kinderwunsch
Heiti wägt ab, lässt ehrlich die Frage des Kinderwunsches zu, spürt Wünschen und
Trieben, Traurigkeit und Stolz nach – und bei jedem
Kreis, den sie dreht, kommt sie wieder am gleichen Punkt an.
„Wenn ich, als ich noch jünger war,
darüber nachdachte, ob ich Kinder wollte, landete ich immer bei
dieser Formel: Hätte mir keiner etwas über die Welt erzählt, dann
hätte ich Liebhaber erfunden. Ich hätte Sex, Freundschaften, die
Kunst erfunden. Die Kinderaufzucht hätte ich nicht erfunden.“ (S.
59)
Ihren inneren Monolog besänftigt sie mit Münzen: Sie wirft sie und lässt sie antworten. Das Münzen-Orakel hat eher etwas Jugendliches als Mystisches. Sie besucht eine Wahrsagerin und das Gesagte begleitet sie bis zum Buchende.
Weiblicher Zyklus als Struktur
Ihr Buch gliedert sie in PMS, Blutung
und vor dem Eisprung – einen weiblichen Zyklus:
In der Fruchtbarkeitsklinik will sie
herausfinden, ob sie ihre Eizellen einfrieren kann: „Sie
schlug meine Akte auf und sagte: Glückwunsch – gute
Nachrichten. Sie schenkte mir ein warmes Lächeln und meinte,
meine Eierstöcke seien jung, wie frische Feigen. Ich brach in
Tränen aus. Wie konnte mich mein Körper so im Stich lassen? Wusste
er denn gar nichts über uns – darüber, wonach ich mich wirklich
sehnte?“ (S. 150) Und kommt zu dem Schluss: „Meine Eizellen einzufrieren wäre so
gewesen, wie meine Unentschlossenheit einzufrieren. So offen konnte
ich mir meine Schwäche nicht eingestehen.“ (S. 151)
Freundinnen und der Baby-Verstärker
Besonders beschäftigt sie das gebärende Umfeld und wie über Frauen gesprochen wird, die keine Kinder wollen:
„Ich sagte, vielleicht wolle die Freundin ja wirklich kein Baby, aber meiner Lektorin fiel es schwer, die Möglichkeit zu akzeptieren; ich glaube, nicht, weil sie es sich nicht vorstellen konnte, dass irgendeine andere Frau kinderlos leben wollte, sondern weil die Freundin in ihrem Kreis die festzementierte Rolle derer spielte, die sie bemitleiden, der sie sich irgendwie überlegen fühlen konnten und die sie sehr genau zu kennen glaubten (besser als die Frau sich selbst). Sie brauchten jemanden, der ihr Gefühl stärkte, ihr eigenes Leben sei besser als seines. Sie erfüllt eine wichtige Funktion.“ (S. 109)
Sie löst den Irrglaube auf, dass ein Leben ohne Kinder nicht reich sein kann:
„Manche Menschen versuchen, sich
ein Leben ohne Kinder vorzustellen – und stellen sich dabei einfach
sich selbst ohne Kinder vor, anstatt sich einen Menschen auszumalen,
der vielleicht nie aus ihnen werden wird. Sie projizieren ihre eigene
latente Trauer darüber, dass ihnen diese Erfahrung fehlt, auf
diejenigen, die sie gar nicht machen wollen. Ein Mensch, der nicht
verstehen kann, warum jemand keine Kinder will, braucht eigentlich
nur seinen eigenen Gefühlen gegenüber Kindern auf den Grund zu
gehen und sich vorzustellen, diesen Wunsch in eine andere Richtung
umzulenken – in Richtung eines Lebens, das genauso mit Hoffnung,
Sinn, Zukunftserwartungen und Fürsorge erfüllt ist.“ (S. 186)
Absurde Gründe fürs Kinderkriegen
Sheiti versammelt verschiedene Gründe, Kinder zu kriegen. Manche bekommen lieber ein Kind, anstatt einen "Seelenverwandten" zu finden (S. 214). Manche folgen der Biologie, dem Ticken der biologischen Uhr, und tun nicht das, was sie eigentlich wollen. "Du kannst nicht jemanden auf die Welt bringen, bloß um um ein Diskussion in deinem Kopf zu beenden oder weil du neugierig auf jedwede menschliche Erfahrung bist oder damit du dich deinen Freundinnen anpasst.“ (S. 215). Oder als Absicherung gegen spätere Reue. Oder um die eigene Mutter zu würdigen (S. 229), die Familie wieder zu verbinden.
Vom Sammeln und Leeren
„Manche wollen ihr Leben lang Dinge ansammeln, während andere ihr Leben entleeren wollen – es so lange schütteln, bis alles Unwesentliche davon abfällt.“ (S. 220), stellt Heiti fest. Und hebt beide Tendenzen, nach denen Menschen streben, auf eine gleiche Ebene: „Gleichwohl erscheint mir das
Nicht-Haben als genauso erstaunlich, unwahrscheinlich und besonders
wie das Haben. Und beides fühlt sich wie eine Art Wunder an. Beides
kommt mir wie eine große Leistung vor. Den Forderungen der Natur
nachzugeben oder sich ihnen zu widersetzen – beides ist eine schöne
Aufgabe, jeweils auf andere Weise beeindruckend und schwer. Die Natur
bekämpfen und sich ihr unterwerfen, das ist gleichermaßen würdig.
Und scheint gleichermaßen wertvoll.“ (S. 208)
Verlust und Vergessen der Lebenden
Heiti beschreibt auch den Abschied – von ihrer Freundin Libby, als diese Mutter wird. Ihr Kind zeige ihr, hier könne kein besserer Mensch mehr kommen – und alle Gelüste nach Kunst, Gespräch und Beziehung würden kompensiert. Und sie ist wütend:
„Mir widerstrebt das Spektakel
dieser ganzen Vermehrungswut, die ich als Abkehr von den Lebenden
begreife – als unzureichende Liebe zu uns anderen, den Millionen
Waisenkindern, die wir schon auf der Welt sind. Diese Leute wenden
sich mit weit geöffneten Armen einem neuen Leben zu und hoffen, ein
Glück zu erschaffen, das größer ist als ihr eigenes, anstatt sich
bereits um die Lebenden zu kümmern. Es ist weder in Ordnung noch
schön, wenn überall ein weinendes Baby auftaucht, wohin du auch
schaust, und meine Freundinnen gehen hin und zeugen noch mehr –
zeugen schon wieder eines! - ein weiteres Licht in der Welt.
Natürlich freue ich mich für sie, aber für uns andere tut es mir
richtig leid wegen dieses absolutem Affronts, dieser erleichterten,
frohgemuten Desertion. Wenn jemand ein Kind hat, wendet sie oder er
sich seinem Kind zu. Wir anderen bleiben außen vor.“ (S. 189)
„Außerdem kann man das Leben auf
dieser Welt auf so viele Weisen befruchten, ohne ein echtes
menschliches Leben zu zeugen. Es gibt überall Kinder, ebenso wie
Eltern, die Hilfe benötigen, und so viel ist zu tun, so viel Leben
zu bejahen, … . Die ganze Welt will bemuttert werden.“ (S. 194)
Familiengeschichte – 3 Generationen Fluch
Ein Wahrsagerin sagte ihr, es läge ein Fluch auf ihrer Familie. Heiti verstand nicht.
Ihre Mutter wuchs mutterseelenallein
auf, die Großmutter ist dem Lager in Auschwitz lebend entkommen.
„Ich weiß, dass von jüdischen Frauen erwartet wird, dass sie die durch den Holocaust erlittenen Verlusten reproduktiv ausgleichen.“ (S. 187)
Doch ihre Großmutter soll nicht in einem Urenkelkind
weiterleben, Heiti bekommt kein Kind, um das Universum wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie schreibt. Und tröstet, teilt ihre Gefühle und Gedanken mit und fühlt mit. Nie war mir ein Buch eine so gute Freundin. Sheila Heitis "Mutterschaft" ist Balsam für die, die sich dem "natürlichen Lauf der Dinge" widersetzen –
und oft damit allein sind.
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