In
Isabelle Lehns Roman „Frühlingserwachen“ begleitet man
die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, durch die Jahreszeiten.
Er beginnt mit dem Frühling.
Frühjahrsmüdigkeit, die; Substantiv, feminin. Des Frühjahrs müde zu sein. Der Müdigkeit müde zu sein, erneut dieses Leben zu führen.
Der
Roman ist wie eine Dia-Show. Klick und es schiebt sich einen neues
Bild, eine neue Szene auf. Lehns Protagonistin oder alter Ego ist zu
Hause beim Freund, am Schwitzen, am Bluten, ist depressiv, nur ein klein
wenig oder eher in stetiger Angst davor. Dann ist sie bei einer
Lesung, der Buchmesse, geht aus und fremd. Sie liebt, nein lebt den Exzess. Medikamente, Alkohol und Sex. Sie besucht Kinderwunsch-Zentren
und ihren Therapeuten. Sie erzählt von Freundinnen, verschiedenen, auch Müttern oder Schriftstellerinnen. Sie sind ihr alle wichtig, das spürt man.
Und
zwischendrin verweist sie – nie aufdringlich oder gekünstelt –
auf Autoren und Stoffe, die sie bewegen und zitiert Fakten und
Statistiken zu Glück, Elternschaft und Suiziden aus „der Zeitung“. Überhaupt
erzählt Lehn wunderbar, man möchte gerade einmal Luft holen
zwischen den kurzen Kapiteln, um ins nächste einzutauchen und rennt mit ihr diffus durch die Monate und Jahre. Ihres extremen Lebens.
Die
Autorin beim Therapeuten.
„Mein
Therapeut sagt: Sie entkommen sich nicht. Wir wissen es und lächeln.
Er kennt sich aus mit Frisch, er hat Rilkes Malte gelesen und weiß,
was ich meine, wenn ich fürchte, dass sich mein Gesicht ablöst. Ich
bin nicht mehr sicher, ob darunter ein Neues nachwächst, solange man
mich noch ansehen kann, habe ich Sex. Oh, so hinauszuwandern in
eine Nacht, um keine Grenze bekümmert. Er will mit mir über
Alkohol sprechen, über Substanzmissbrauch, und wieso es nicht hilft,
bloß den Partner zu wechseln, um sich selbst nicht begegnen zu
müssen. Wir sprechen über Heimwegsex, Sex, der den Heimweg ersetzt,
Sex aufgrund von märzlichem Heimweh, der eigentlich Fernweh-Sex ist.
Es ist phantastischer Sex, behaupte ich, weil er sich vor allem im
Kopf abspielt. Der Körper ist kaum beteiligt daran. Ich spüre ihn
kaum, auch wenn ich mich dabei sehr lebendig fühle. Mein Therapeut
nennt das dissoziativ, aber ich finde immer noch besser als Suizid,
bloß im kleinen Tod das Sterben zu üben.“ (S. 14)
Frau
mit ihrem Partner Vadim.
„Beim
Frühstück, wir sind beide gereizt und ein bisschen verkatert,
erzähle ich ihm von meinem Plan. Ich will die Tabletten absetzen.
Ich habe einen Deal mit dem Schicksal gemacht. Und eigentlich kann
jetzt nichts mehr schiefgehen. Ich will nur noch den Vertrag
unterschreiben. Vadim sieht mich lange an. Dann steht er vom
Frühstückstisch auf, verlässt die Küche ohne ein Wort und wirft
die Tür hinter sich zu. […] Ich werfe Vadim vor, dass er mich nur
noch mit Tabletten erträgt. Eine Betablockerversion meiner selbst.
Vadim findet das nicht fair. Wie soll er das aushalten, wenn alles
noch schlimmer wird? Das ist Jazz!, schreie ich. Nein, das ist krank!
Er behauptet, ich sei wie starker Schnaps, den man nur verdünnt
trinken könne.“ (S. 104 f)
Sie mit anderen Männern. Auf der Buchmesse. Mit dem Buchmesse-Mann.
„Wie
sein unrasiertes Kinn an mir scheuert, wie zufrieden er mit sich ist
und wie ich ihn für all das verachte und trotzdem fürchte, dass er
mich nicht will. Es hilft nichts. Das alte Spiel. Der eine entzieht
sich, der andere sehnt sich.“ (S. 18)
Und
mit einer Freundin in der Bar, nahe der Böschung.
„Ich
gehe mit Aenne aus und betrinke mich heillos. […] Wir trinken gegen
das Warten und auf Marguerite Duras, die ganze Sommer allein mit dem
Alkohol verbrachte. Der Alkohol ersetzt den Akt der Lust, ohne ihren
Platz einzunehmen. Auch Aenne versucht, ihre Lust zu ersetzen. Sie
wartet darauf, eine Frau zu vergessen, von der sie die ganze Zeit
spricht, und ich höre ihr zu und lasse den Blick schweifen. Ein
Junge am Nebentisch dreht sich immer wieder zu uns um. Er ist hübsch.
Seine Haut ist ganz hell, voller Sommersprossen und mit Bildern
verziert. Die Bilder sind Kinderkritzeleien, wie mit einem Kuli
gemalt oder mit Zirkel und Tinte gestochen. Später kommt er an
unseren Tisch. Er verrenkt sich, zieht sein T-Shirt hoch, um mir noch
mehr Bilder zu zeigen. Ich darf mit Spucke darüberfahren, um zu
sehen, ob man sie abrubbeln kann. Kann man nicht. Sie sitzen krum und
schief unter der Haut, und sein Gesicht ist jetzt ganz nah vor
meinem. Ich sehe ihn unscharf an. Ihm fehlt der rechte obere
Schneidezahn, und der Einfachheit halber wird Aenne ihn später den
Zahnlosen nennen. Ich mag seine Zahnlücke. Sie lässt ihn verwegen
aussehen, älter und ein wenig verlebt. Auch er scheint die Böschung
zu kennen, und nur deshalb lässt er den Zahn nicht ersetzen –
immerhin gibt er es zu, denke ich.“ (S. 65)
Die Schriftstellerin beim Schreiben oder Leiden am Nichtschreiben.
„Manchmal glaube ich, dass alles nur in Einzelheiten erträglich ist. Der Schnee vor dem Fenster. Das weiße Blatt. Der Dampf, der aus der Teetasse aufsteigt. Das Brillenputztuch. Der Schnee vor dem Fenster. Der unbefleckte Himmel. Das dampfende Blatt. Der weiße Himmel. Das Brillenputztuch. Der unbefleckte Blick aus dem Fenster. Das weiße Blatt und der dampfende Tee. Das Papier. Die weiße Glühbirne. Die weiße Wand. Die Unruhe. Das Brillenputztuch. Der Blick durch zwei beschlagene Gläser. Die nackte Angst. Der Dampf aus der Tasse. Die Verschmutzung. Die Stille. Der Schnee. Ein Auto bewegt sich. Das Geräusch eines Motors. Zwei knallende Türen. All, die Menschen, die ich nicht sehe. Das Papier.“ (S. 215)
Und mit sich selbst im Zweifel.
„Ich möchte mich gern von mir trennen, singt Hildegard Knef. In dieser Nacht träumte ich davon, dass ich mit mir selbst duelliere. Ich stehe mir gegenüber, ziehe, ziele und drücke ab, aber die Kugel verfehlt mich. Die andere Kugel trifft. Ich sterbe vor meinen Augen und bin zum Glück noch einmal davon gekommen. Aber die Zweifel bleiben: Hat es vielleicht die Falsche erwischt?“ (S. 207)
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