Nina
Pauer beschreibt in „Wir haben keine Angst – Gruppentherapie
einer Generation“ (2012) eine Generation, die in den 80ern Kind war. Eine, die sie gut kennt. Über die sie in Wir-Form schreibt: An
unseren Zahnputzbechern prangten Anti-Atomkraft-Aufkleber und wir
wurden mit einer abstrakten Ahnung davon groß, dass saurer Regen
nicht gut ist. Mit Tschernobyl im Nacken wuchsen wir mit BSE, Take
That und Akte X im Kopf auf. In einer Welt, in der es alles gab. Sogar
Internet. Aber es gab keinen "richtigen" Krieg, keine wirklichen Sorgen, keine
große Angst. Das elterliche Credo „Ihr habt doch alles“
begleitete uns. Dann mach mal was draus. So viel Raum zur
Selbstverwirklichung. Verirren wir uns so nicht?
Ganz leise ahnen wir, dass unsere jahrelang eingeübte völlige Angstbefreitheit ein bisschen naiv ist. […] Mit uns ist die große Angst verpufft.
Pauer
kreiert zwei Angst-Typen, mit denen sich die Leser identifizieren können: die ehrgeizige, beliebte, perfekte Anna und
den lebenslustigen, verpeilten, sympathischen Bastian.
Sie begleitet sie im Studium, beim Abschluss und beim Berufseinstieg
– im Alltag. Und schaut ihnen in ihren Therapiesitzungen mit
Herrn G. über die Schulter. Neben dem Arbeitsleben taucht sie in den anderen
drei Kapiteln in ihr Liebesleben und ihre Beziehungen zu Freunden und
Eltern ein. Von Bindungsangst, von Abstiegsangst, finanzieller und sozialer, Angst vorm Verlust der Anerkennung und Angst vor der elterlichen
Abnabelung. Das Buch ist eine brillante kleine Analyse einer
Generation, mit der eigentlich alles in Ordnung ist und trotzdem stets etwas nicht stimmt, die nach Hilfe sucht. Am liebsten lebensbegleitende Therapie für alle will.
Wenn es erst einmal angetippt ist, wird unser schlechtes Gewissen so schnell nicht mehr müde, auf unserem Selbstwertgefühl herumzutrampeln. Wütend redet es auf uns ein, bis es Erfolg hat. Bis wir uns selbst dafür verachten, eigentlich nichts besseres als dumme, dicke, satte, feiste, klopsige Kinder zu sein, die glücklich fettgefressen wie die Maden im Speck des Wohlstandes sitzen. Und die sich nun, als wäre das nicht schon schlimm genug, höhnischerweise auch noch in irgendeinem lächerlichen, pseudo-altruistischen Impuls tragisch selbst dafür bemitleiden wollen, dass auch sie die Welt nicht retten können. Bevor sie wieder friedlich weiterschmatzen.
Am Ende erwartet man irgendwie eine Lösung, wie bei den Figuren alles zusammenhängt. Aber selbst die Therapie-Stunden legen nichts Großes offen. Auch gibt die Autorin zum Schluss keinen Rat oder hält einen Katalog an Ratschlägen für die diffuse Angst-Generation bereit. Nina Pauer hat kein Buch für die Selbsthilfe-Ecke geschrieben, sondern eine unterhaltsame, genaue Beobachtung zweier Mittzwanziger, die ein bisschen so sind wie wir – mit Mitte zwanzig.
Gut, dass diese Zeit vorbei ist.
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