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Wie Liebe heute funktioniert

Eva Illouz erklärt in „Warum Liebe weh tut“ (Suhrkamp, 2018), warum Frauen und Männer heute so schwer zueinander finden. Sie ist Professorin an der Hebräischen Universität von Jerusalem. In ihrer soziologischen Erklärung zitiert sie Expertinnen und Experten, aus Befragungen, Kolumnen und Internet-Foren. Oft wirken die Zitate allzu vertraut.

Vom Umwerben zum erotischen Kapital

Eingangs vergleicht Illouz die Heiratsanbahnung in der viktorianischen Zeit mit heutigen Zeiten des Online-Datings. Wo früher Stand, Status oder einfacher das Vermögen darüber entschied, wer mit wem zusammenkommt - und die Männer die Frauen umwarben (S. 215), steht heute das sexuelle Kapital der Menschen, das über Status, Stand, Bildung und Geld hinweg Bindungserfolge ermöglicht. „Im 21. Jahrhundert [ist] das erotische Kapital einer Frau Teil ihres ökonomischen Kapitals." Durch höhere Bildungsabschlüsse und anspruchsvollere berufliche Tätigkeiten, aber auch durch ihr erotisches Kapital können Frauen, unabhängig von ihrer Herkunft, heute sozial aufsteigen und „ihren Status auf Heiratsmärkten verbessern" (vgl. Hakim in Illouz, S. 111), kurzum: heute auch mit einem Mann mit höherem Status zusammenkommen.

Mit dem Verweis auf beliebte Serien wie "Sex and the City" und "Bachelor" beschreibt Illouz die „Sexualisierung der romantischen Beziehungen, die Individualisierung der Partnersuche, das allgemein gewordene Konkurrenzdenken im Paarbildungsprozess, die zunehmende Komplexität der Suche, die Verwandlung von Sexualität in Kapital durch sexuelle Erfahrungen und Erfolge" (S. 111).

Heiratsmärkte zu Dating-Marktplatz


„Die Partnerwahl findet nunmehr in einem hochgradig wettbewerbsorientierten Markt statt, in dem romantische und sexuelle Erfolge eine Folge früherer Formen der sozialen Schichtung sind" (S. 112)

Am Beispiel eines Bindungs- oder Liebesunwilligen erklärt Illouz: „Die Liebe und das mit ihr verbundene Hochgefühl verdanken sich keiner standhaften Bindung an eine Person, sondern dem, was in der Konsumforschung als „Abwechslungsbedürfnis“ (variety drive) bezeichnet wird: Sie ist eine Folge der Auswahl in einem Markt der Möglichkeiten und der emotionalen Erregung, sich auf eine neue Beziehung einzulassen.“ (S. 159)

Die Sexualisierung der Partnersuche und der Individualismus haben jedoch dazu beigetragen, dass Männer (durch Beruf, wirtschaftliche Macht, sexuelle Kompetenz) den Markt „emotional beherrschen" zu scheinen (S. 159, 198). Denn beim Zugang zu sozialer Macht durch Sexualität, nutzen die beiden Geschlechter unterschiedliche Strategien.

Serielle Sexualität und emotionale Exklusivität 


„Die sexuelle Exklusivität der Frauen schließt emotionale Verbundenheit ein. Ihr Wunsch nach Ausschließlichkeit macht es wahrscheinlicher, dass Frauen ihre Gefühle früher und intensiver empfinden und ausdrücken. Weil Frauen ihre sexuelle Wahl nicht losgelöst von dem Umstand treffen, dass ihr sozioökonomischer Status im Fall einer Mutterschaft unmittelbar von einem einzigen Mann abhängt, sind Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit sexuell und emotional exklusiv ausgerichtet" (S. 196). 

„Wenn Sexualität seriell gelebt wird, ist die Distanziertheit die anpassungsfähigere Einstellung (eine serielle gefühlsmäßige Verbundenheit wäre sehr aufwendig); die aufeinanderfolgende oder parallele Ansammlung von Sexualpartnern neigt aufgrund der Entblößung vor einer großen Zahl von Partnern dazu, die Gefühle für jeden einzelnen unter ihnen abzuschwächen; und schließlich ist Distanziertheit anderen Männern gegenüber eine ostentative Zurschaustellung von Sexualkapital. Anders gesagt: Serielle Sexualität - als Index von Männlichkeit als Status - geht mit emotionaler Distanziertheit einher, die eine wichtige Rolle in der Bindungsangst spielt" (S. 195f)

Seit den 1970er Jahren zeichnete sich zunehmend auch die Sexualität der Frauen durch serielles Verhalten aus. Illouz meint aber: „Für Frauen hat die serielle Sexualität immer neben ihrer Ausschließlichkeitsorientierung bestanden und ist dementsprechend voller Widersprüche. Frauen neigen zu einer gemischten Sexualstrategie, die Serialität und Exklusivität kombiniert. Genauer gesagt: Für Frauen ist Serialität ein Weg, um Exklusivität zu erreichen, kein Ziel an sich." (S. 199)

Die Exklusivitätserwartungen der Frauen bedrängen den Mann in seiner Autonomie, in Folge bindet er sich lieber nicht oder nur kurz oder spät. (S. 244ff) 

„Obwohl ich weiß, dass er mich liebt, versteht er es nicht, mich toll und besonders fühlen zu lassen"


Illouz liefert einen Auszug aus einem Interview, in dem sich die Befragte über ihren sie liebenden Mann beschwert. Bei der Liebe ginge es um das Wie nicht um das Dass. „Im 19. Jahrhundert hätten treue Ergebenheit und Verbundenheit als entscheidende Liebesbeweise gegolten. Hier aber werden sie als ungenügend betrachtet, weil die Liebe einen anhaltenden Prozess der „Bestätigung“ einschließen muss, also eine erneute Bestätigung der eigenen Individualität und des eigenen Werts.“ (S. 221) 

Es gebe den „grundsätzlichen Anspruch, dass romantische Beziehungen soziale Anerkennung bieten. Der soziale Wert einer Person ist nicht mehr die direkte Folge ihres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status, sondern muss aus ihrem Selbst geschöpft werden, das als einzigartige, private, persönliche und nichtinstitutionelle Größe definiert ist. Die erotische/romantische Beziehung muss zu einem Selbstwertgefühl verhelfen, und der moderne soziale Wert ist vor allem performativ, das heißt, er wird im Zuge der und durch die eigenen Interaktionen mit anderen erlangt." (S. 221f)

Einbildungskraft und Enttäuschung

Illouz beschreibt zum Schluss, dass es „immer schwieriger wird eine Verbindung zwischen dem Begehren, der Einbildungskraft und dem Realen herzustellen, und dies hauptsächlich aus zwei Gründen: Der eine ist, dass die die Einbildungskraft zunehmend stilisiert wurde und sich mittlerweile auf Genres und Technologien stützt, die foktionale Gefühle auslösen und sowohl zur Identifikation einladen als auch zur Vorwegnahme erzählerischer Formeln und visueller Szenerien ermutigen. Der zweite Grund hat mit dem Umstand zu tun, dass das Alltagsleben auf kulturelle und kognitive Kategorien zurückgreift, die es erschweren, romantischen Erlebnissen und Beziehungen eine ganzheitliche Form zu verleihen. Im Ergebnis sind Phantasie und Einbildungskraft immer unabhängiger von ihren Objekten geworden." (S. 416f)

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