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Wenn ein System in tausend Teile zerspringt – ein Kind zwischen Zerstörungswut und Hilflosigkeit

Ich hatte über den Film "Systemsprenger" schon fast alles gelesen, und doch hat mich Benni, gespielt von Helena Zengel, auf der Leinwand vereinnahmt, berührt und schockiert. Diese große seelische Not einer 9-Jährigen, die in Aggression gegen sich und andere umschlägt. Und ein Hilfesystem, in dem sie nicht aufgefangen werden kann. In dem es kein passendes Angebot zu geben scheint, für ein Mädchen, mit der schon alles ausprobiert wurde – Pflegeeltern , Wohngruppen, Inobhutnahme-Stellen. Bis sie rausfliegt. Nach Gewaltausbrüchen landet sie oft temporär in der Psychiatrie. Fixiert, allein und retraumatisiert. Immer ist es eine Zwischenstation. „Ey, Betreuer!“, die vermeidlichen Bezugspersonen spricht sie nicht mehr mit Namen an. Zur Schule will sie gar nicht. Oft nimmt sie Reißaus. Ein Kind in der Nacht. Ein Kind in der Kälte. Ein Kind im Wald, im Kuhstall, in der Hundehütte auf der Suche. Nach einem Ort, der Heimat ist, der Bindung und Zuverlässigkeit verspricht.

Nora Fingscheidt hat das Drehbuch von „Systemsprenger“ geschrieben und Regie geführt. Das Bild der kleinen Bernadette zeichnet sie bedrohlich wie liebenswert. Sie zeigt ein Mädchen, das in der Wut zu vielem in der Lage ist; stolz davon spricht, dass alle Angst vor ihr hätten; droht die Familie des Schulbegleiters umzubringen. Dabei ist das einer, zu dem sie seit Langem Vertrauen schöpft. Als alles aussichtslos scheint, wagt Micha Heller (Albrecht Schuch) den Versuch und fährt mit ihr in die Einfachheit, 1:1 Betreuung im Wald. Dort kann sie so sein, wie sie ist. Sie lacht, weint, kann Wut rauslassen, neue Erfahrungen machen. Unbeobachtet, raus aus dem System. 

„Willst du mein Papa sein?“

Was ist, wenn ein Mensch einfach nur Liebe braucht. Und es Nähe im System nicht gibt? Die Frau vom Jugendamt (Gabriela Maria Schmeide) wirkt so engagiert wie eine Ehrenamtliche, die Benni eben nicht nur als Fall sieht. In ihren Augen scheint Benni noch jung und zu retten. Sie begleitet sie eng, spricht mit ihr auf Autofahrten zu Terminen, kennt sie lang und gut, setzt sich für sie ein – und stößt immer wieder an Grenzen. Auch die ehemalige Pflegemutter (Victoria Trauttmansdorff) und der Schulbegleiter Micha schließen das Mädchen in ihr Herz. Riskieren damit anderes, verlieren die Distanz.

Sehnsucht: Mutterliebe

Lisa Hagmeister spielt die überforderte, fragile Mutter, die sich weder der Verantwortung stellen kann noch der Abhängigkeit ihres Kindes bewusst ist. Aber den äußeren Schein mit gepflegtem Äußeren und Wohnung aufrecht erhält. Hinter der Fassade bröckelt es. Bernadette will nichts mehr als zu ihrer Mutter. Sucht heimlich die Wohnung auf. Dichtet ihr Liebeslieder, wird immer wieder versetzt, enttäuscht, vertröstet. Die Mutter sagt, sie könne wieder zurück zu ihr, wenn sie sich im Griff habe und dass das Jugendamt schuld sei. Den staatlichen Professionellen sagt sie: „Wenn Sie das nicht mal hinbekommen, wir soll ich es dann schaffen.“

So stolpert Benni zwischen den staatlichen und privaten Instanzen. Beide haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Wenn sie Bindung und ernsthaftes Interesse in Aussicht gestellt bekommt, zeigt sie sich bemüht und kooperiert. Voller Hoffnung. Ihre fragilen Versuche zerschellen. Immer wieder ist sie sich selbst überlassen. Allein. Und das ist auch der stetige Appell: „Das hast du selbst in der Hand“, harte Worte an eine 9-Jährige.

Professor Dr. Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf, Leinerstift Kinder-, Jugend- und Familienhilfe e. V. Großefehn/Ostfriesland:
Auch werden alle Akteure in diesem Film als durchweg engagiert und an ernsthafter Kooperation interessiert dargestellt – eine Stärke des Films, ohne Schuldzuweisungen und simple Erklärungen auszukommen! Aber leider gelingt dies in der Realität nicht immer so einfach. Wenn jedes Kind ein Kooperationssystem um sich hätte wie Benni, würde manches mehr gelingen.

Offizielle Film-Website: https://youtu.be/dKvR5meAzN4

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