Unter dem Namen My Fair Lady ist der Stoff von George Bernard Shaw bekannter. In der Pygmalion-Inszenierung am Thalia Theater drehen die estnischen Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo nicht nur die Geschlechterrollen um. Subtil formulieren sie darin ein Bild vom Blick der angenommenen Normalität auf das Andersartige, das zu Formende.
Eliza taucht dort als ein dicklicher und kindlich wirkender Mann mit Akzent auf, gespielt von Kristof Van Boven. Professor Higgins (Oda Thormeyer) und Pickering (Marina Galic) werden von Frauen gespielt, nehmen den stotternd Strandenden unter ihre Fittiche. Er soll lernen. Er soll zahlen. Er bringt zu Beginn keinen vollständigen Satz heraus. Er wird an die Hand genommen, er wird herum geführt. Er wird gewaschen. Er wäscht, wäscht, wäscht sich - von Kopf bis Anzug. Er tanzt mit seiner Ungezwungenheit in die bornierten Pastelltöne der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Wie erfolgt die Integration in die Monotonie? Er irritert, wird bestarrt, schließlich in ein rosa Kleid gesteckt - das opfert Higgins selbst - und wie ein Tierchen in Sprache und Benehmen trainiert. Ihn aus der Gosse aufgelesen, um einen Mensch aus ihm zu machen. Den Halbaffen. Im Kleid wird er herum- und vorgeführt. Auf und ab bis zum Anschlag der Half Pipe, die die Lebensumwelt stellt.
Das Stück beginnt mit einer Choreografie des Gleichklangs, ein Abbild unserer Gesellschaft. Ein Kommen und Gehen, ein Austausch, ein Begrüßen, Small Talken, Begucken, Verabschieden. Ein kostümierter Einheitstanz.
Am Ende verblassen in der Monotonie selbst die Pastelltöne. Choreographie und Rhytmus vom Anfang wiederholen sich, nur farbloser - in der gleichen Kaffeetassen schwenkenden Erdrücktheit und Schwere der Bücher, die nur zum Um-sich-schlagen benutzt werden. Die Borniertheit ist ein Kanon aus Benimmregeln, die Steifheit in Kostümen abgebildet, der Konsenz geht von den sich stechenden Farben über in ein Beige-Creme-Matsch, blass.
Pygmalion ist die zeitgemäße Umkehr von Mann/ Frau, spielt die Gegensätze von einfach/ gehoben und konform/ natürlich aus. Wir schmunzeln. Das Hamburger Publikum schluckt. Ein Nackter mit Akzent wäscht sich. Als sei Haut etwas Widernatürliches. Eliza möchte auch gehen, von der Bühne und von diesen Menschen - weg. Sie soll kein exzentrisches Solo liefern, mahnt er/ sie sich. Sie flieht aus Prof. Higgins Fängen, kein besserer Mensch ist, wer sich gewählt ausdrückt ... Was ist Benehmen? Sie applaudieren kurz und energielos und gehen. Wir auch, aber nicht unzufrieden.
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