"Eigentlich ganz bezeichned, dass du es nur dann magst,
wenn das Meer grau und bedrohlich ist."
Frühstückstischtränen im Finale, als der Bogen zu einer Kindheitserfahrung geschlagen wird. 180° Meer kreist um die Protagonistin Jule, deren Seele von einer schrubbeligen Schicht Hornhaut überzogen zu sein scheint. Ihre Gefühlsregungen sind still, außen nicht sichtbar, innen herrscht ein dumpfes Brodeln, dem sie sich entzieht, indem sie den Blick zu Boden wirft. Die Nähe in der Partnerschaft findet sie in Tims Achselhöhle, in die sie sich wohlig intim verkriecht. Oder in den Seitensprüngen mit Andreas, Relikt der leichten Nähe, aus einer anderen Zeit. Von winselnden Anrufen ihrer Mutter begleitet, fehlt es ihr an Mut und Selbstvertrauen, ihrem Vater unter die Augen zu treten.
Beruhigung. Meer, Achselhöhlen, Schleifen.
Jule lebt in den Tag hinein, ohne Ziel, Verlust oder Sinn. Als ihr Seitensprung aufliegt, flüchtet sie spontan in die Londoner WG Ihres Bruders. Jakob nimmt sie auf, ohne Fragen zu stellen. Das sind Geschwister. Auf einer Fahrt zum Meer erinnert sie sich an ihre gemeinsamen Zugfahrten zur Meer-Oma, die bedeuteten von ihrer depressiv-abwesenden Mutter erlöst zu sein.
Brighton ist so malerisch, wie es eben alle finden, allerdings habe ich keinerlei Interesse an dem berühmten Seebad, ich bin hier, um unverstelltes Meer zu sehen, und das ist leider durch eine obzön große Seebrücke gestört.
Das Meer, wo es sie immer wieder hinzieht, macht sie ruhig. Unfreiwillig landet sie aber auch in der Nähe ihres Vaters. Sie nimmt es Jakob übel, dass er ihn jetzt hier - an diesem Punkt, wo sie das Meer in 180° erblicken kann - zu ihnen einlädt. Er wohnt hier, ganz in der Nähe, weißt du, und er hat Krebs, ich dachte, das solltest du wissen, sagt ihr Bruder leise.
Bei Krebs ist man berührt/ traurig/ erschüttert. Ich bin nichts. Nicht nur nichts von diesen Optionen, sondern tatsächlich gar nichts. Außer eben überfordert, [...] von der Falle, in die ich schon wieder getappt bin.
Der Tod grüßt, es rauscht an ihr vorbei. Da ist kein Gefühl, kein Mitgefühl, nur Taubheit. Gefühle sind Dinge, mit denen Juliane nicht so vertraut ist. Die
Wut scheint stattdessen als einzige Masse des Gefühlsausdrucks zu existieren: Geladen, störrisch,
selten .. und beherrscht.
Statt mich zu beruhigen, schaukelt sich mein Innerstes weiter auf. Ich versuche, auf das Meer zu sehen, mich von seiner trostlosen Weite auffangen zu lassen, aber meine Wut ist inzwischen unauffangbar. Ich habe den Punkt verpasst, an dem ich hätte abbiegen können, also sitze ich, wie so oft, hilflos in meinem eigenen Sud.
Als Jule beschließt ein paar Wochen allein am Meer zu verbringen, kommt sie sich selbst etwas auf die Schliche. Sie nimmt diesen kleinen Arschloch-Hund mit, der schnappt, wenn man ihn versucht zu streicheln, ihr aber vertraut erscheint. Dass ihr ein Hund in seiner Widerspensigkeit ans Herz wächst, irritiert sie selbst. Denn sowohl ihr Bruder und die fremde Mutter als auch ihr Freund Tim scheinen aus der Entfernung in Distanz zu bleiben, keine unabdingbare Wichtigkeit zu haben. Ihre Partnerschaft räumt den Fixpunkt im Leben. Ihr Vater kommt ihr auch in England mit seinem nahendem Tod zwischenmenschlich nicht näher. Die Reise in die väterliche Nähe lohnt sich dennoch, denn sie enthüllt einen kleines Geheimnis, eine fehlende Erinnerung, die wunderbar den Bogen zu den beruhigenden Wogen des Meers schlägt.
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Sarah Kuttners dritter Roman ist mir zwei Mal in die Hand gefallen. Ich gestehe, es war auch das Cover. Diese neongrüne Schrift auf schwarz-weiß düsterem, halb unruhigem Meer: 180° eben.
Dieser Roman ist keine Versöhnungsgeschichte mit dem Vater, aber ein Schritt zur Versöhnung mit sich selbst. Es ist kein Buch über die Liebe, keins vom Scheitern, eher vom Erwachsenwerden. Sanfter als eine komplexe Anlayse - und auch ohne Erklärung - zeichnet Kuttner ein kleines Psychogram der Protagonistin und ihrer Beziehungen. Im Sand sind diese subtilen Ahnungen wunderbar zu lesen, die sich in voller Pracht vor ihr auftun. Dazwischen stehen still ein paar Ruinen.
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