Ein langer, quälender Abschied. Zwischen Sprach- und Schlaflosigkeit schallen diffuse Dialoge, weinerlich, cholerisch, die nach Vergangenheit, Glück und Freiheit fragen. Und wenn sie nicht schweigen oder reden, tanzen sie in unterschiedlichem Rhythmus zur Orgelmusik auf dem Gut. Oder sie küssen sich, mitunter auch unerwartet jemand anders, ehe sie sich in mehreren Anläufen durchringen, Abschied zu nehmen. Von einem Gut und Garten, dem das kränkelige Lebensschicksal der Maman anhaftet, die gealtert aus Paris zur Heimatwiege zurückgekehrt ist. Es ist der Stein um ihren Hals, der sie in den Abgrund zieht. "Aber ich liebe ihn", sagt sie und lächelt abwesend.
Für Geduldige ist Percevals Inszenierung am Thalia gemacht.
Eine Kulissenhimmel aus knallerbsengroßen Kirschblüten, die hängen lose im Raum. Neun Menschen tanzen über das Fundament, das sie zu retten versuchen: Ein verschuldetes Bauerngut mit einem großen Kirschgarten.
Schlaflos läuft die Zeit rückwärts, die tickt zu den ohne Intervall schnaufenden Schritten des Dieners, Anfang und Ende. „Ich bin so müde“ - oft sind Tschechows Figuren müde und das sind alle, vom Leben. Aus der Stille schrillt hysterisch: "Ja, aber wir schlafen doch sowieso nie! Was redest du denn da?!“
Und die Stühle, zu einer Reihe vor dem Bühnerand aufgestellt, kippeln, in unregelmäßigem Takt, ungewollt schmiedet der Takt Frau und Mann aneinander. Klack, klack, ruck, zuck, tipp, tapp. Wie sie eine Bindung bilden ohne einander zu berühren. Dann ersticken die Menschen wieder in unerträglicher Stille, und auf einem kurzen Dialog, ob weinerlich, cholerisch, egomanisch, senil, folgen Tanzeinlagen und atemloses Gelächter der Irritation. Sie tanzen wild und leise, verrenkt, unrhythmisch und stürmisch, allein und schwingen in der Gruppe. Gleichgültig, verschreckt, verträumt, ihre Blicke. Sie tanzen, und wenn es auf den Abschied zugeht, dann küssen sie einander, unkalkulierbar, ehe die Stille in kreischende Wortabschläge über das Vergangene ausartet, die Freiheit, das Glück und die Liebe.
Und dreimal wird sie wie ein Gebet wiederholt: die Geschichte der Mutter und ihrem Kirschgarten. Die Mamam, die in Paris Zuflucht fand, findet sich zwischen den eisigen Kirschblüten und ihrer beginnenden Demenz wieder mit ihrer krankhaften Geschichte konfrontiert, der Garten wie ihr Mann, der ihr nur Verluste eingebracht hat. Nun hängt an ihr nur noch der Überrest, gefolgt, abhängig und verwundet noch zwischen den Kirschblüten neben ihr. Ihr Stein, den sie am Halse trägt, reißt sie in den Abgrund: „Aber ich liebe meinen Stein. Ja, ich liebe ihn.“
Sie geht, dreimal, als das Gut unlängst verkauft scheint, das ganze Stück erscheint wie ein langer, quälender Abschied. Sie stehen alle auf, der Maman folgen wollend, und setzen sich wieder, reden. Und dann holt der Diener die Mamam zum Tanz und sie tanzt, schwebt und erliegt schließlich in seinen Armen.
„Wenn ihr den Kirschgarten verkauft, könnt ihr mich gleich mit verkaufen. Ich gehe nicht auf mein Zimmer, ihr wollt mich doch nur loswerden.“
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