Julia Schochs „Das Vorkommnis“ (2022, dtv) ist der erste Teil der Biografie einer Frau. „Wild nach einem wildem Traum“ hatte mich eigentlich angesprochen. Dann dachte ich aber: lieber am Anfang beginnen. Fixiert auf das Thema DDR im Klappentext. Worum es geht? So genau weiß ich es nicht.
Eine Frau, die Lesung und die Begegnung mit der bis dato unbekannten Halbschwester. Auf wenige Worte und eine ungelenke Umarmung folgt dieses Buch, das Schoch wegen der Halbschwester schreibt. Aber man erfährt wenig über sie, die Familie, die DDR; mehr über ihr Leben mit dem Mann, dem älteren und dem jüngeren Kind. Die große Distanz zwischen ihnen, allen. Den Reiz des Neuen spürt man leise. Ein kurzes Ringen mit dem Misstrauen. Ihr Mann, die Liebe, die Leere. Der räumliche Abstand. Am Ende sei es gar nicht so oder zumindest nicht ganz so gewesen: Das erste Buch über die richtige Schwester.
Über das Ausharren, Durchhalten und Luft anhalten
Ich dachte: Gemessen an den damaligen Straßenverhältnissen, den schlechten Autos, musste es sich um eine Abwesenheit von mindestens drei Stunden gehandelt haben. Meine Mutter sah meinen Blick. Selbstverständlich habe man damals ein Baby in einem Körbchen auf dem Balkon allein gelassen, sagte sie. Überall hätten Kinderwagen mit Babys gestanden, vor den Kaufhallen und Kaufhäusern, draußen auf den Wäscheplätzen, hinter einem Wohnblock, vor den Polikliniken, den Gaststätten. Das war so üblich, was denkst du dir.
Seit ich davon gehört hatte, habe ich mich in Gedanken oft über das Körbchen gebeugt, den Säugling, mich. Über das Kind, das plötzlich aufwacht und Angst vor dem Himmel hat, den Geräuschen und Farben, und vor lauter Angst ganz still wird und sich zurück in den Schlaf zwingt, um die Farben, die Geräusche, den Himmel nicht länger wahrzunehmen.
Im Nachhinein betrachtet, holte mich das, was in meinen ersten Lebenswochen gang und gäbe war, in meinem Studio an der Wooster Street wieder ein. (...) In meinem Studio angekommen, schlief ich dann sehr schnell ein, nicht ohne mir vorher hoffnungsvoll gesagt zu haben: Wenn ich aufwache, ist das Problem gelöst. Der Satz »Das war so üblich« wurde in jenen Wochen zu meinem ständigen Begleiter.
S. 77ff

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