Zeit
haben wir nie, obwohl jeder Tag gleich lang ist. In Zeiten von Corona
sind einige auf sich selbst zurückgeworfen, andere kämpfen
mit dem Mehr an Arbeit oder der Vereinbarkeit von Familie und (Home)
Office. Familien und Paare können sich kaum noch aus dem Weg gehen,
sind aufeinander angewiesen, rücken – freudig oder zwangsläufig –
zusammen. In mehr als der Hälfte aller Haushalte in Hamburg leben
Singles, die nun allein sind. Und selbst wenn sie das freiwillig
waren, schmerzt nun die Einsamkeit. Viele sind ihrer gewohnten Priviliegien
und Freiheiten beraubt, das betrifft uns alle. Zum Stress und der
allgemeinen Verunsicherung durch das Corona-Virus gesellen sich ökonomische Ängste sowie
Sorgen um Angehörige und Freunde.
Wie gehen wir mit diesem Ausnahme-Zustand um?
Manche
flüchten sich aufs Land, manche fallen in Schockstarre und melden
sich vor Angst krank, manche gehen ganz selbstverständlich in den
aktiven Kampfmodus über. Über die Fight-flight-oder-freeze-Stressreaktion wurde viel geschrieben.
Der
Corona-Virus zwingt uns zum körperlichen Abstand, zur Reduktion
unserer Sozialkontakte, nimmt uns Freuden des Lebens:
Miteinander in Gruppen, Tanz, Spielplätze, Feste, Kultur, Ausflüge, Reisen.
Alle diese Bedürfnisse sollen bzw. müssen jetzt auch gefühlt
werden. Zugleich aber heißt es: an die Regeln halten und vor allem
durchhalten.
20 Tipps, wie man in dieser Zeit bei sich bleibt, seine psychische
Widerstandsfähigkeit stärkt und so die Krise gut übersteht. Ich hab mein eigenes kleines Resilienz-Programm gestartet, das sieht so aus:
Achtsam und dankbar bleiben
Ich
schreibe jeden Tag mein Dankbarkeitstagebuch. Eine gute Routine, um
die schönen kleinen Momente am Tag nicht aus den Augen zu verlieren:
Das Kreischen der Gänse am Kanal und ihre roten Füße in der Luft,
die Alster am Morgen, wenn sie spiegelglatt in der Sonne liegt, der
Morgengesang der Amsel bei geöffneten Fenster mit einem dampfenden
Kaffee im Bett, bevor der Tag zu Hochtouren aufläuft.
Allergie-Tabletten für Hypochonder
Helfen bei leichter Allergie. Gerade im März haben Haselnuss und Erle
geblüht: bei mir verursachen sie tränende Augen, ein Kratzen im Hals und das Gefühl leichter Atemnot. Allergische Symptome haben nicht gleich etwas mit dem Corona-Virus zu tun. Posiver
Nebeneffekt der Allergie-Tabletten sind ihre Nebenwirkungen: beruhigen und zaubern einen tiefen
Schlaf.
Ausmisten und reinigen, um frei zu sein
Kennt
ihr das Gefühl, dass ihr besser arbeiten könnt, wenn ihr den
Schreibtisch oder das Zimmer aufgeräumt habt? Ein klärender
Prozess. Nur wenn außen alles in Ordnung ist, kannst du auch
innerlich zur Ruhe kommen.
Nutze verabredungsfreie Wochenenden für einen Frühjahrsputz: Fenster putzen, unter dem Bett saugen, wischen, das alte Erbstück polieren oder die verstaubten Gläser darin. Du wirst dich – gerade, weil du mehr Zeit zu Hause verbringst – täglich an dem Resultat freuen können.
Nutze verabredungsfreie Wochenenden für einen Frühjahrsputz: Fenster putzen, unter dem Bett saugen, wischen, das alte Erbstück polieren oder die verstaubten Gläser darin. Du wirst dich – gerade, weil du mehr Zeit zu Hause verbringst – täglich an dem Resultat freuen können.
Auch
befreiend: Zeitschriften, Briefe, alte
Unterlagen oder Fotos aussortieren. Trenn dich endlich von Dingen, die du ohnehin
nicht brauchst. Ich habe meinen Scanner in den
Elektro-Schrott gebracht. Altkleider und Zeitschriften folgen. Außerdem: Der Frühling
kommt, stell die Winterstiefel weg und hol die Kleider raus.
Bewegen und Sport treiben
Gemeinschaftssport
pausiert, Sportstudio zu – richte dir dein Studio zu Hause ein.
Online-Kurse wie die kostenfreien der Uni Hamburg gibt es genug, falls du keine Erfahrung mit self-practicing hast.
Nie habe ich die tägliche Fahrt mit dem Rad zur Arbeit so genossen. An den freien Tagen, habe ich wieder
mit meinem Rücken- und Beckenboden-Training begonnen und eine kleine Wanderung und Radtour geplant.
Keine
Lust? Kaizen ist eine japanische Philosophie, in der es die 1-Minute-Methode gibt: Indem man sich vornimmt,
regelmäßig wenigstens eine Minute zu üben, werden meist doch mehr daraus. Wenn dein Körper erst mal wieder in
Schwung ist, genießt er die Bewegung, stößt Belohnungs- und
Glückshormone aus und verlangt von selbst wieder danach.
Energie-Quellen und Ressourcen bewusst machen
Was
und wer tut dir gut, was nicht? Halte inne, bevor du jedem Signal
deiner Umgebung folgst. Beobachte statt gleich zu reagieren. Mache
dir bewusst, was wirklich nötig ist, was dir Freude bereitet und was
du auch allein tun kannst.
Eine
Runde mit dem Rennrad fahren, einen Spaziergang durch die Sonne mit
Musik auf den Ohren, endlich mal die Bücher lesen, die schon so
lange warten – im Licht des Fensters oder auf dem Balkon.
Mit
welchen Menschen tauscht du dich gern aus, wo erlebst du das als
gegenseitig bestärkend und ausgewogen, wo eher nicht. Mache dir
bewusst, dass du gerade nicht allen helfen kannst und auch andere nur begrenzte Ressourcen haben. Wenn dir der
Kontakt zu einseitig erscheint, lass etwas los.
Digital Detox und Briefe schreiben
Auf Abstand kommunizieren wir alle plötzlich mehr digital. Um
nicht von Nachrichten oder dem Smartphone absorbiert zu sein: richte
dir einfach feste Zeiten ein, um Nachrichten zu schauen,
für die (Social Media) Kommunikation mit Familie und Freunden.
Oder:
Gönne dir einen Moment der Zweisamkeit mit lieben Entfernten auf dem
Papier bei einem Tee: Schreibe einen Brief oder eine Karte. Das kann
liebevoller und wirkungsvoller sein, als eine schnell beantwortete
Nachricht auf WhatsApp.
Frische Luft und Licht tanken
Denke
jeden Tag daran, auch vor die Tür zu gehen. Wenn du spazieren
langweilig findest: Verbinde eine Erledigung, wie den Einkauf oder den Weg zum Alt-Papier-Container, mit einem Spaziergang und verlasse ruhig einmal die gewohnten Pfade. Dann entdeckst du
Neues!
Du bist gerade unter Menschen angespannt, geh azyklisch spazieren – vormittags, wenn andere auf dem Markt Einkäufe erledigen oder abends bei Einbruch der Dämmerung. Auch wunderbar.
Du bist gerade unter Menschen angespannt, geh azyklisch spazieren – vormittags, wenn andere auf dem Markt Einkäufe erledigen oder abends bei Einbruch der Dämmerung. Auch wunderbar.
Familie, Freundschaft oder Partnerschaft bewusster leben
Auch
wenn du zu den Menschen gehörst, denen Freiheit sehr wichtig ist und du dich nun eingeengt fühlst. Kannst du diese
Zeit auch nutzen, um mit einer Freundin, deinem Partner oder der Familie ein
Stück näher zusammenrücken. Bei allem Muss: Es ist doch auch
schön, dass man jetzt mit den Liebsten zusammensein kann. Dazu gehören auch Konflikte, aber die hätten ihr Ventil vielleicht auch in einer anderen Krise gefunden.
Gartenarbeit und Heimwerken
Endlich
Frühjahr. Weil viele Aktivitäten wegfallen, kannst du in Ruhe
größere Projekte in Angriff nehmen – und Selbstwirksamkeit
abseits der Arbeit erfahren. Ein Möbelstück restaurieren, die Laube in Schwung bringen, den Garten umgraben, die
Radkette säubern, das Auto polieren oder endlich die Schlafzimmer-Wand taubenblau
streichen.
Hobbies und Talente wiederentdecken
Backen, Nähen, Zeichnen, Schreiben,
Fotografieren, Musik machen – nun hast du Zeit, die Dinge wieder in Angriff zu nehmen, für die sonst keine Zeit
blieb. Du wolltest schon immer mal Stricken lernen, mehr Klarinette
üben, mal einen zuckerfreien Kuchen backen
oder in Ruhe eine Matcha-Tee aufschäumen.
Ich habe wieder begonnen, an meinen Kurzgeschichten weiterzuarbeiten und viel gezeichnet.
Ich habe wieder begonnen, an meinen Kurzgeschichten weiterzuarbeiten und viel gezeichnet.
Kreativität aufblühen lassen
Die Spielplätze
sind gesperrt – Kinder haben eine unendliche Kreativität. Im Laufe der Zeit verlieren sie und wir dieses Fähigkeit. In der Schule wird uns die Kreativität quasi abtrainiert. Die Kompetenz der Zukunft wird aber
jetzt im freien Spiel der Kinder sichtbar: Wie lässt sich die Stadt erkunden,
was verbergen sich für Tipis im Stadtpark im Gebüsch, sind Pflastersteine nicht
kleine Sprungfelder und kann die U-Bahn nicht auf dem Boden in
Kreidebahnen ihre Kreise ziehen? Lasst uns an das freie Spiel anknüpfen: ein Mal-Buch zeichnen, Kreise auf Papierresten ziehen, Masken für ängstliche
Freunde nähen oder aus Kühlschrank-Resten ein Impro-Gericht kochen.
Konflikte akzeptieren und lösen
Lagerkoller,
angespannte Arbeitssituation, die Gehwege sind zu eng, um sich
einfach aus dem Weg zu gehen: viele sind angespannt. Ein Vater mit Kinderwagen erscheint rücksichtslos, weil er nicht ausweicht. Wir
granteln den eigenen Partner an und fauchen im eigenen Team.
Akzeptiere, dass jetzt auch Konflikte auftreten. Bleib besonnen und tolerant. Wenn etwas im Argen liegt, sprich es an: Was hast du beobachtet, was macht das gefühlsmäßig mit dir und was wünscht du dir von deinem Gegenüber. Eine einfache "Formel" der gewaltfreien Kommunikation.
Akzeptiere, dass jetzt auch Konflikte auftreten. Bleib besonnen und tolerant. Wenn etwas im Argen liegt, sprich es an: Was hast du beobachtet, was macht das gefühlsmäßig mit dir und was wünscht du dir von deinem Gegenüber. Eine einfache "Formel" der gewaltfreien Kommunikation.
Konsumfreuden hinterfragen
Läden
zu, Shopping vorbei. Viel Zeit am PC? Die Versuchung, mit ein paar Clicks ein Erfolgserlebnis zu generieren, ist groß. Nur ist die
Zustellung per Post in Zeiten von Corona viel langsamer. Weil viel
kontaktlos versandt werden muss. Die
Postboten und Lieferdienste haben jetzt alle Hände voll zu tun. Aber
müssen sie jetzt echt noch neue Schuhe, Möbel und
Unterhaltungselektronik schultern? Ich habe überlegt, was ich gerade
wirklich brauche – und will Post und Versanddienstleister nicht
noch zusätzlich belasten. Bestellt doch beim Buchladen oder unterstützt euren Einzelhandel um die Ecke. Außerdem steht gerade viel zu verschenken draußen rum, was andere ausgerümpelt haben: Ich habe heute schönes, altes Geschirr und einen Ordner gefunden.
Lust und slow/solo Sex
In
einer Krise baut sich viel Stress auf, manche können sich nicht so
einfach entspannen. Sehnen sich aber danach. Vergesst Sex nicht, ob
solo oder mit eurem/r Partner/in. Den regelmäßigen "Kontakt" zu euch und die Berührung
könnt ihr fest einplanen.
Die Lust kommt nicht von allein? Probiert es mit Slow Sex: Ohne viel zu überlegen, ausziehen, langsam anfangen, sich zu berühren, der Appetit kommt manchmal auch beim Probieren. Selbst wenn es nicht der kopfloseste Sex eures Lebens ist, sorgt der Hautkontakt für Entspannung in angepannten Zeiten. Und bringt Nähe in eure Beziehung.
Die Lust kommt nicht von allein? Probiert es mit Slow Sex: Ohne viel zu überlegen, ausziehen, langsam anfangen, sich zu berühren, der Appetit kommt manchmal auch beim Probieren. Selbst wenn es nicht der kopfloseste Sex eures Lebens ist, sorgt der Hautkontakt für Entspannung in angepannten Zeiten. Und bringt Nähe in eure Beziehung.
Tanzen in der Küche
Dir
fehlt der Club, das Festival, das Konzert oder dein Tanz-Kurs. Wir brauchen Musik, sie trägt unsere Stimmungen, holt uns hoch und beruhigt uns.
Sei deine eigene DJane. Kram deine Lieblingsplatten raus – ich hab Schnipo Schranke und Von Wegen Lisbeth wiederentdeckt – dreh die Musik auf und lass dich darauf ein. Warum nicht einfach mal in der Küche oder im Wohnzimmer ein paar Minuten zu deiner Lieblingsmusik tanzen.
Viele Clubs legen auch online auf. Das Hamburger Molotow streamt die Party F*ck dich ins Knie, Melancholie (< zum Nachhören und Club retten).
Sei deine eigene DJane. Kram deine Lieblingsplatten raus – ich hab Schnipo Schranke und Von Wegen Lisbeth wiederentdeckt – dreh die Musik auf und lass dich darauf ein. Warum nicht einfach mal in der Küche oder im Wohnzimmer ein paar Minuten zu deiner Lieblingsmusik tanzen.
Viele Clubs legen auch online auf. Das Hamburger Molotow streamt die Party F*ck dich ins Knie, Melancholie (< zum Nachhören und Club retten).
Ruhe-Phasen einräumen
Hängematte,
Meditation oder Mittagsschlaf – nimm dir die Zeit für Ruhe und Entschleunigung, wenn
du den Tag selbst einteilen kannst. Wach mit dem
Licht auf, starte in deinem Tempo in den Tag. Meditiere regelmäßig oder verbringe ein paar stille Minuten am offenen Fenster. Folge deinem
natürlichen Rhythmus, wenn die zeitlich genauen Anforderungen von
außen mal zum Erliegen kommen. Und: Geh einfach (früher) schlafen, wenn du erschöpft oder müde bist.
Urlaub und Arbeit mit dir selbst
Wenn du in deiner Arbeit blockiert bist oder eine Urlaubsreise stornieren musstest, sprich frei hast, aber nicht verreisen kannst: nutzte die Zeit für Urlaub mit dir selbst und in deiner Stadt. Selten war mir so bewusst, wie leise und hell die eigene Wohnung tagsüber ist. Schöner als jede Ferienwohnung. Wie viele Parks die Stadt bietet – und welche Fülle an Cafés, Restaurants, Musik- und Kulturangeboten es hier gibt. Wenn etwas wegfällt, fehlt es uns um so mehr. Das Gute: Es kommt zurück.
Auch
kannst du die Zeit gut für Reflexion und die Arbeit mit dir
selbst nutzen: deine inneren Themen und Konflikte, die oft in Krisen
aufkeimen, kannst du so in Ruhe wahrnehmen, nachspüren und annehmen. Ich
greife dann gern auf die Arbeit mit dem inneren Sonnen- und Schattenkind zurück. Solltest du dabei Unterstützung benötigen,
informiere dich über fachliche Angebote, kontaktiere
Beratungsstellen telefonisch, begib dich auf Therapie-Suche oder vereinbare Termine.
Oder
du machst dich endlich mal auf die Reise zum Job, der dich glücklich macht. < Es gibt gute Bücher zum Durcharbeiten.
Solidarität leben
Das Lächeln
der Nachbarin heute, mit der man nie gesprochen hat. Den treuen Dienst des
Postboten, das emsige Team im Supermarkt, der Autofahrer, der einem Vorfahrt gewährt, die Wartenden an der Ampel, die Abstand halten. Die Jungen, die für Ältere Einkäufe erledigen. Genieße diese Phase der Solidarität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Sie ist ein schöner Effekt der Krise.
To Wants neben To Dos
Klar,
wenn man viel zu Hause ist und da auch noch arbeitet, braucht man:
Struktur. Ich pflege schon länger – neben der To Do Liste – wo
Finanzen und Putzen notiert sind, auch To-Want-Listen. Dinge, die ich
gerne mache, sollten keine To Dos sein, sich nicht so anfühlen. Sie gehören nicht auf eine MUSS-Liste. Als ich vor einem Jahr
mit einem Bandscheibenvorfall zwei Wochen krank geschrieben war und viel
Zeit hatte, habe ich begonnen, mir To Wants zu notieren. Geht auch:
Schreibe dir am Ende des Tages auf, was du alles Tolles gemacht hat.
Meist sind die kleinen die großen Dinge.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen