"Die Quersumme von Liebe" von Katrin Zipse ist ein Jugendroman über eine junge, aufkeimende Liebe zwischen Luzie und Puma. Im Wechsel zeigen die beiden fast Volljährigen ihren Blick auf das Geschehen. Es ist Luzies eigene "Geschichte", die sie da an einem seltsamen Ort der Verlassenheit niederschreibt. An einem Punkt in ihrer Vergangenheit hat sie sich verloren. Und es ist Puma, der sie sucht - und feststellt, dass er sie liebt - und ahnt, dass sie eine düstere Verbindung haben. Innerhalb weniger Tage taucht man Luzies kleine Welt ein, die auf einem Zahlensystem fundiert, bei der die Quersumme jedes Tages Gewissheit darüber gibt, wie schlimm die Zukunft wird.
Ein schwarzer Balken zerteilt das Haus, durchkreuzt die Straße, rasiert die Haare des Mädchens ab.
Kleine Rinnsale schwarzer Farbe fallen in geraden Linien aus dem Bild."
Da ist die Brantlspitze im Gebirge, wo ihr Vater vor elf Jahren tödlich verunglückt ist. Da ist das Burrito, wo sich Puma und Luzie ein einziges Mal gedatet haben. Da ist die Bar voller ahnungsloser Freunde, ein Freund Phillip auch als kurzer Anflug von Eifersucht. Da ist das Zuhause ohne Mutter. Da ist die Bank, an der sich Luzie immer mit ihrer Freundin Helena traf. Da ist das unbewohnte Haus mit der großen Uhr in diesem verlassenen Dorf. Da ist die Telefonnummer von C. auf dem Stück Papier im Schuhkarton unter dem Bett. Wir müssen zu dem Haus, wo der Riese ist, erklärt Aaron, der fiebrig neben Puma im Auto sitzt, mit einem seiner beiden Spielzeugritter bewaffnet.
Sie beginnt am Tag 0, als alles wieder auf Anfang ihrer Zeitrechnung springt. Eine Zeitrechnung, die irgendwann begann als ein Mann in das Leben ihrer Mutter trat. Auch als er am Tag 1093 wieder verschwindet, zählt sie trotzdem weiter. Ihr Halbbruder Aaron wird kurz darauf geboren. Erst mag sie ihn nicht, dann wird er ihr liebster Begleiter, sie hütet ihn, wenn die Mutter Mathe-Klausuren korrigiert, auf Elternabenden oder bei ihrer aktuellen "Liebe" übernachtet.
Luzie glaubt ihre Mutter hält sie für ein seltsames Insekt. Helena sagt auch, dass ihre Mutter sie so ansieht. Luzie malt sich grausige Sachen aus, Helena nennt das Gedankenquälerei. Luzie träumt sich manchmal Erinnerungen zurecht, egal ob sie falsch oder wahr sind. Und manchmal überkommt Luzie das Wasser, es droht sie hinunterzuziehen, wegzureißen - ihre Mutter sieht still dabei zu. Luzie ist tapfer, ihr helfen die Worte der Menschen aus dieser Parallelwelt zurück in die Realität zu gelangen - oder das Zählen von Nelken, Schafen, Buchseiten, Autokennzeichen. Zur Ablenkung, zur Beruhigung gegen die diffuse Angst. Das Zählen und die Affinität zur Mathematik sind erstaunlicherweise die einzige Verbindung zur Mutter. Die steht auf Künstlertypen, obwohl sie selbst keine Form von künstlerischen Esprit hat. Luzies Vater war auch Maler. Aber seine Bilder kennt Luzie nicht.
Kunst, Phantasie und Logik verschmelzen zu einer Liebesgeschichte, einem Familiendrama, das sich wie ein Krimi anbahnt und letztendlich eine Coming of age Geschichte ist, in der ein düster phantasierendes Mädchen aus ihrem System ausbricht, und durch einen Zufall und die Kunst der Wahrheit auf die Schliche kommt. Eindringlich, spannend und raffiniert kombiniert Zipse die Befindlichkeiten junger Erwachsener sowie die Tiefe ihrer Emotionen und ihre Ernsthaftigkeit. Die 288 Seiten des stillen Zwiegesprächs, der eingeschobenen poetischen Bildbeschreibungen und der nachdenklichen Gedanken der Mikroben sind abwechslungsreich strukturiert (und übrigens auch vom Magellan Verlag in ein wunderschönes Layout gesetzt und mit verträumten Cover versehen). Zipse springt geschickt zwischen den Perspektiven der Figuren, baut die Geschichte einerseits wie ein klassisches Drama durch die fünf Gemälde auf und entgeht einer klaren Chronologie des Geschehens durch die Zeitrechnung der Tage in Zahlen. Der Roman berührt, fesselt und überzeugt in seiner durchdachten, anspruchsvollen Art und lässt uns eintauchen die Welt einer Heranwachsenden, die neben den Alltagsproblemen auch ein tiefer gehendes Schicksal hat - und begibt sich mit ihr dennoch leichtfüßig auf die Suche nach dem Verborgenen.
Tag 3340: Es hätte ein guter Tag werden müssen
Ihre Welt gerät am Tag 3340 ins Wanken, als sie die Todesanzeige ihrer längst verstorben geglaubten Großmutter im Papiermüll findet. Luzie begibt sich auf die Suche nach einer Antwort. Erst sucht sie die Trauerfeier auf. Dann begibt sie sich auf den Weg in die Vergangenheit, denn sie ist einem Familiengeheimnis auf der Spur. Als sie plötzlich verschwindet, taucht ihr kleiner Bruder Aaron in der Kletterhalle auf, wo Puma arbeitet und sie sich erst vor Kurzem kennengelernt haben. Die beiden Jungen nehmen gemeinsam Luzies Fährte auf.
"Ohne Titel
Eine Straße, die aus dem dunkelgrauen Nichts kommt und diagonal ins Leere läuft. Ein schiefergrauer, fetter Strich, Öl auf Leinwand, wie weggefegt. Ein kleines Mädchen läuft drauf entlang, schemenhaft in hellem Grau, Tupfen auf dem Pinselstrich. Die Schultern hochgezogen, die Hände zu Fäusten geballt. Schwarze Wolken im Hintergrund und darunter eine dunkle Ansammlung von Häusern, weit weg von der Straße. Lang gestreckte, flache Gebäude, ein Kirchturm. Am äußersten Ende steht ein großes Haus mit hohem Dach, auf dem eine Glocke schwingt.
Ein schwarzer Balken zerteilt das Haus, durchkreuzt die Straße, rasiert die Haare des Mädchens ab.
Kleine Rinnsale schwarzer Farbe fallen in geraden Linien aus dem Bild."
Sturz ohne Riesen
Da ist die Brantlspitze im Gebirge, wo ihr Vater vor elf Jahren tödlich verunglückt ist. Da ist das Burrito, wo sich Puma und Luzie ein einziges Mal gedatet haben. Da ist die Bar voller ahnungsloser Freunde, ein Freund Phillip auch als kurzer Anflug von Eifersucht. Da ist das Zuhause ohne Mutter. Da ist die Bank, an der sich Luzie immer mit ihrer Freundin Helena traf. Da ist das unbewohnte Haus mit der großen Uhr in diesem verlassenen Dorf. Da ist die Telefonnummer von C. auf dem Stück Papier im Schuhkarton unter dem Bett. Wir müssen zu dem Haus, wo der Riese ist, erklärt Aaron, der fiebrig neben Puma im Auto sitzt, mit einem seiner beiden Spielzeugritter bewaffnet.
"Jedes Mal, wenn mein Vater übers Wochenende wegfuhr, um in den Alpen klettern zugehen, war ich mir sicher, dass er an einer Bohnenranke ins Haus des Riesen stieg. Ich malte mir aus, wie er mit Schätzen beladen zu mir zurückkehrte und mein Kinderzimmer von Süßigkeiten überquoll. Ich weiß nicht mehr, ob ich enttäuscht war, wenn er dann ohne Geschenke wiederkam. Nur eines weiß ich genau: dass ich es einfach nicht verstand, warum der Riese seine Hand nicht aufgehalten hatte, um ihn aufzufangen als er stürzte. Es wäre doch so leicht für ihn gewesen.Damals kam das Wasser zum ersten Mal. Ich stand in einem Blumenladen, Mama war direkt neben mir und redete mit einer Verkäuferin, als um mich herum nur noch Wasser war. Es schwappte vom Gipfel des Berges herab, auf dem der Riese wohnte, es strömte unablässig und stieg bis über meinen Kopf. Niemand hielt mich als ich zwischen den Blumen tiefer und tiefer sank und das Lachen des Riesen von den Wellen tausendfach zurückgeworfen wurde und nur noch ein Rauschen in meinen Ohren war. Es dauerte unendlich lange, bis ich mich zurück an die Wasseroberfläche gekämpft hatte. Beinahe schaffte ich es nicht.Mama stand am Ufer, sah mir zu und reagierte nicht.Und dann war das Wasser wieder verschwunden..."
System: Zahlen als Struktur zum Überleben
Zipses Roman ist Luzies Geschichte, die man - wie in einem Brief zum Ende erfährt - sie für ihre Freundin Helena schreibt, deren Verlust nach Peking keine Mail heilen kann. Es ist Tag 0 als sie an einem kalten Rückzugsort ihre aufkommenden Erinnerungen notiert, ihre Erkenntnisse der letzten Tage (3340 bis 3365) und fasst ihre (acht) Lektionen für Mikroben zusammen. Unterbrochen von (fünf) poetischen Beschreibungen, die erst später als die düsteren Bilder ihres Vaters deutlich werden.Sie beginnt am Tag 0, als alles wieder auf Anfang ihrer Zeitrechnung springt. Eine Zeitrechnung, die irgendwann begann als ein Mann in das Leben ihrer Mutter trat. Auch als er am Tag 1093 wieder verschwindet, zählt sie trotzdem weiter. Ihr Halbbruder Aaron wird kurz darauf geboren. Erst mag sie ihn nicht, dann wird er ihr liebster Begleiter, sie hütet ihn, wenn die Mutter Mathe-Klausuren korrigiert, auf Elternabenden oder bei ihrer aktuellen "Liebe" übernachtet.
Dilemma: Sie beobachtet das komische Insekt, auch wenn es zu ertrinken droht
Lösung: Zyklus des Schreckens im Gitterbett
Luzies Kindheit ist in den Bildern gefangen, die sie erst viel später im Haus ihrer Großmutter entdeckt. Die fünf Bilder fügen sich schließlich zusammen. Ein Zyklus des Grauens, von dem Luzie zwischenzeitlich selbst glaubt, dass es ein Krimi sei. Es ist die letzte Botschaft ihres Vaters an die Tochter. Das Puzzle fügt sich, inklusive der so jungen Liebesverbindung am Ende zu einem Ganzen. Das Wasser steht für das Unbewusste oder Trauma, die Zahlen für die Struktur, die ihr das System zum Überleben sichern. Alles trägt das junge Mädchen still und ohne Hilfe von außen, ohne die Fürsorge und Anwesenheit ihrer Mutter, in sich umher. Das Märchen vom Riesen und die kleinen Vater-Erinnerungen oder -phantasien haben etwas Tröstliches, die Bilder etwas Zerstörerisches.Kunst, Phantasie und Logik verschmelzen zu einer Liebesgeschichte, einem Familiendrama, das sich wie ein Krimi anbahnt und letztendlich eine Coming of age Geschichte ist, in der ein düster phantasierendes Mädchen aus ihrem System ausbricht, und durch einen Zufall und die Kunst der Wahrheit auf die Schliche kommt. Eindringlich, spannend und raffiniert kombiniert Zipse die Befindlichkeiten junger Erwachsener sowie die Tiefe ihrer Emotionen und ihre Ernsthaftigkeit. Die 288 Seiten des stillen Zwiegesprächs, der eingeschobenen poetischen Bildbeschreibungen und der nachdenklichen Gedanken der Mikroben sind abwechslungsreich strukturiert (und übrigens auch vom Magellan Verlag in ein wunderschönes Layout gesetzt und mit verträumten Cover versehen). Zipse springt geschickt zwischen den Perspektiven der Figuren, baut die Geschichte einerseits wie ein klassisches Drama durch die fünf Gemälde auf und entgeht einer klaren Chronologie des Geschehens durch die Zeitrechnung der Tage in Zahlen. Der Roman berührt, fesselt und überzeugt in seiner durchdachten, anspruchsvollen Art und lässt uns eintauchen die Welt einer Heranwachsenden, die neben den Alltagsproblemen auch ein tiefer gehendes Schicksal hat - und begibt sich mit ihr dennoch leichtfüßig auf die Suche nach dem Verborgenen.
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