Adéle, stimmt etwas nicht? Die Irritation, wenn etwas nicht so ist, wie man gemein annimmt. Aber Blau kann eben auch eine warme Farbe sein. Der Film "Blau ist eine warme Farbe" (franz.: "La vie d'Adéle") basiert auf der gleichnamigen Graphic Novel von Julie Maroh, in dem sich die Schülerin Adé´le in die Kunststudentin mit den blauen Haar verliebt. Sie liest begeistert "La Vie de Marianne"
von Pierre Carlet de Marivaux aus dem 18. Jahrhundert im Bus, in dem die Überwindung der Klassengesellschaft thematisiert wird. Genau diese beiden Themen verbindet der Coming-of-age-Film, indem die Findung in der gleichgeschlechtlichen Liebe mit den Grenzen der sozialen Herkunft und der sexuelle Bedeutung der Liebe verbindet - in eindringlichen, eindeutigen Sequenzen aus dem Leben der Adéle.
Voyeuristisch nah doch ohne übertriebene emotionale Spannungen
Sehr dicht kommt der Zuschauer der Hauptdarstellerin in dem Film. In seiner leisen Beiläufigkeit gelicht er manchmal einer Dokumentation. Die Kamera starrt auf die schlafenden Lolita-Lippen der Jugendlichen. Pur und ungeschönt, wenn sie spitzbübisch lacht, lauthals demonstriert oder sich Spaghetti in den Mund stopft, sie weint oder sich gegen die Mitschülerinnen wehrt. Man taucht unerträglich dicht in ihr Leben ein und wird doch nicht so stark emotional bewegt oder berührt, verbleibt in dieser eher voyeuristischen als empathischen Perspektive. Die Oberflächen sind zart. Natürlich und sehr intim wirkt alles, auch die ausgedehnte Sex-Szene der beiden Frauen, in die man zu unvermittelt stolpert. Reine weibliche Lustbefriedigung, die ganz ohne Accessoires auskommt. Da ist es die nackte Haut, die die Nähe herstellt. Auch da zeichnet der Regisseur Abdellatif Kechiche nichts weich sondern bleibt einfach sehr direkt und authentisch. Er baut keine Spannungskurven auf, sondern arbeitet in seinem Film mit Überlänge wie in Echtzeit - mit realistischen Dialogen und langen Einstellungen von Lebenssituationen. Das Publikum wird zum Beobachter. In Cannes wurden der Film und die beiden Hauptdarstellerinnen 2013 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.
Findungsprozess und erste Liebe: Unerfahrene taucht in die Welt der Kunst-Bohème und sexuellen Lust
Die 17-jährige Adéle (Adèle Exarchopoulos) probiert es mit den Jungen, aber der Sex hinterlässt Leere. Sie fühlt sich falsch, wie eine Spielerin - und trennt sich von ihrem Freund. Erst der Kuss einer Mitschülerin, das kleine Spiel in der Pause, zieht einen Zauber des Verliebtseins nach sich, öffnet sie. Sie betritt das erste Mal eine lesbische Bar. Und trifft die Kunststudentin (Léa Seydoux) mit dem kurzen, blauen Haar, die ihr zuvor schon auf der Straße auffiel.
Emma zeichnet sie. Adéle findet bei ihr Resonaz auf ihr Interesse an Literatur aus dem 18. Jahrhundert, und bekommt von Emma Nachhilfe in Philosophie. Emma erfreut sich an dem zarten, klugen Mädchen und Adéle erlebt ihre erste und lesbische Liebe mit ihr. Emma nennt Adéle ihre Muse, führt sie in die Kunstszene ein, doch in die Diskurse, ob Schiele oder Klimt, kann sie nicht einsteigen. Sie kocht, arbeitet als Erzieherin, will Lehrerin werden, etwas Bodenständiges erklärt sie Emmas Eltern. Adéle lebt die Liebe zu Emma im Geheimen, vor Eltern und Kollegen. Die Freundinnen beschimpften sie, als sie ihre Homosexualität ahnten und fühlten sich bedroht von ihr. Die sexuellen Erlebnisse mit Emma scheinen erfüllt und befriedigend, freizügig und direkt. So gleitet sie langsam in eine kleine Abhängigkeit zu Emma, die immer mehr in der Kunst versinkt - und an Adéle den Anspruch hegt, auch künstlerisch tätig zu sein. "Warum schreibst du nicht? Du kannst doch schreiben." Die Lust im Bett bleibt aus.
Aus Einsamkeit beginnt Adéle sich mit einem Kollegen zu treffen und mit ihm zu schlafen. Emma erfährt es, und wirft sie sofort raus. Sie akzeptiert nicht, dass sie mit Männern schläft und hinterfragt nichts. Kaum Dialog und tiefere Auseinandersetzung zeichnen eine oberflächliche Beziehung. Die Szenen, die Adéle danach begleiten sind von leiser Verzweiflung und Sehnsucht, von Schmerz und Reue geprägt. Sie wartet nicht, sie kämpft sich durch den Tag und bricht in Tränen aus, wenn er endet. Erst nach einigen Jahren treffen sich die beiden wieder. Adéles unendliche Lust flackert auf, doch Emmas Liebe ist vergangen. Und vielleicht wuchs sie auch während der Beziehung nicht über die sexuellen Lolita-Projektion von Adéle hinaus.
Das Coming Out bleibt im Film aus: Ein Film über die erste Liebe und ihre Grenzen
"Blau ist eine warme Farbe" zeigt kein wirkliches Coming Out sondern gibt vielmehr einen Einblick in die sexuelle Entwicklung und erste Liebe einer Jugendlichen. Der Film zeigt die Grenzen
von Liebesbeziehungen auf, dem Alter und Erfahrungen, den verschiedenen sozialen Milieus, der Herkunft, den Interessen und
Einstellungen. Und nicht zuletzt beleuchtet er die Verschiedenartigkeit der Liebe und nimmt auch die sexuell fokussierte Liebe unter die Lupe - fast unabhängig davon, ob sie gleichgeschlechtlich ist. Dabei könnten die
Protagonistinnen auch Mann/ Frau oder Mann/ Mann sein, es ist am Ende
ganz gleich.
Statement von Julie Maroh zum Fim: http://www.juliemaroh.com/2013/05/27/le-bleu-dadele/
Rezension im Kultur-Spiegel: http://www.spiegel.de/kultur/kino/cannes-gewinner-blau-ist-eine-warme-farbe-kommt-in-die-kinos-a-939491.html
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