Ein paar Flugblätter nur, 286 Karten,
selbstgedruckt, verteilt in zwei Jahren von dem blass-grauen Ehepaar
Quangel, gespielt von Oda Thormeyer und Thomas Niehaus, in der Zeit des zweiten Weltkriegs. Darin fordern Anna und
Otto auf, Hitler-Deutschland nicht weiter zu unterstützen, die
Arbeit in den Fabriken niederzulegen. Sie klären über die Toten
auf, die Opfer des Nationalismus sind, die keinen Heldentod
starben. Ihr Ottochen fiel im Krieg, aber das Schreiben der Feldpost macht ihn zum Helden.
Von der linken Zelle, die wie ein Samen
aufkeimt träumt die Witwe Trudel (Maja Schöne), leise. Denn auch das Leise wird
belauscht. Sie drucken und verteilen die Wahrheit in
Treppenhäusern, Büros und Arztzimmern. Wie Zündstoff geraten die
Karten in den Hände der Leute – werden wie Gift beseitigt. Niemand
beschmutzt sich. In geringen Dosen verteilen es die beiden langsam
unter den hungrigen, traumatisierten Hyänen, verschrecken die
kautzigen Beamten oder überdrehten Verwahrlosten. Sohnemann
Barckhausen bedroht seinen Berlin-schnäuzigen Vater und Spitzel, spiegelt ihm die
Gewalt, die er selbst erfuhr. Geld. Mit Geld funktioniert
alles. Später findet er die Eva Kluge, schließt sich brav und
dankbar ihrer Erziehung an. Ihre Söhne aber waren zur SS
abgewandert.
Enno und Eva Kluge waren lange kein Paar
mehr. Den hervorragend gespielten Streuner und Casanova spielt Daniel Lommatzsch überzeugend, winzelnd, sich selbst bemitleidend und immer den Weg des geringsten Widerstandes folgendend. Sie setzte ihn vor die Tür, er findet kurzerhand woanders Unterschlupf.
Er stirbt als zweiter im Stück als er sich ein Duell mit dem
unentschlossenen Kriminalkommissar Escherich (André Szymanski) am Schlachtensee widmet.
Mit einer dieser Flugblätter entdeckt man ihn beim Arzt, sich wieder
vor der Arbeit drückend, doch der Kommisar lässt ihn laufen. Seine
Ermittlungen laufen mäßig, und er wird von trunkenen und unfähigen
Vorgestzten angeschrien. Die Arbeit nieder legen. Auf seine Weise
bleibt Escherich passiv, schließt sich aber auch nicht neugierig der
Zelle an. Dass er selbst nicht aufbegehren konnte gegen all das,
zeigte am Ende seine nüchterne Sanftheit, als er mit Tat und Tätern
sympathisiert.
Nur 18 der Karten wurden nicht zur Gestapo gebracht, löst er das Rätsel. Nur so wenige Adressaten hätten erreicht werden können. Der potentielle Keim der Zelle - träumt Otto noch kurz vor seiner Verhaftung - erstickt. "Sie glauben doch nicht, dass nur einer dieser Menschen, die die Karte gefunden und nicht zu uns gebracht hat ... die hatten doch selbst alle Dreck am Stecken, deshalb."
Nur 18 der Karten wurden nicht zur Gestapo gebracht, löst er das Rätsel. Nur so wenige Adressaten hätten erreicht werden können. Der potentielle Keim der Zelle - träumt Otto noch kurz vor seiner Verhaftung - erstickt. "Sie glauben doch nicht, dass nur einer dieser Menschen, die die Karte gefunden und nicht zu uns gebracht hat ... die hatten doch selbst alle Dreck am Stecken, deshalb."
Otto und Anna, Trude, Enno und
vielleicht auch Escherich ahnten das Ende des Nationalismus, und sie
ahnten ihren Tod, sie fürchteten den Krieg mehr als die Folter und
Hinrichtung wegen ihrer Taten. In den Selbstmord trieben
sie sich alle. Um Schuldeingeständnisse, Unschuld und Versagen, die
Täter nicht überführt, der Führung im Dienst nicht entsagt, der
Zelle nicht angeschlossen, nicht mobilisiert, nicht mobilisieren
lassen. Alle sterben sie - allein, die Verräter, die Spitzel, die
Taugenichte, die Faulen, die Mutigen.
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