René Polleschs "Neues vom Dauerzustand" handelt von den Liebesgeschichten, in denen wir uns immer wieder aufs Neue zerstreuen. Davon, was uns das Wort Liebe überhaupt noch sagt, vom Werteverfall der Liebe vielleicht oder gleichwohl von der Überbewertung ihrer Sinnhaftigkeit und Optimierung ihrer natürlichen Qual. Kurz: der Austauschbarkeit von Menschen, der Liebesform selbst, in einem materialistischen System. Dem Lieben, der Leidenschaft, dem Leiden, dem Durchhalten, dem Scheitern, dem Selbstmitleid, dem Selbstabtöten und dem sich immer wieder aufbauenden Ego - als würde das bis in die Unendlichkeit wiederholt werden können. "Ist das jetzt dein Zusammenbruch oder rappelst du dich wieder auf?"
Eine Tragödie. Die Heilige Johanna, hier eine einsame Anti-Heldin hadert - in einem Monolog aus sich wiederholenden Worten, um ein und dieselben Gedanken kreisend und festbeißend - mit der Austauschbarkeit und stetigen Fortsetzung der partnerschaftlichen Liebe in unserer Gesellschaft : "Jeder liebt, und auf seine Art, und es sagt uns nichts. Wie anders ist es zu erklären, dass die Freunde mir raten, am Leben zu bleiben, nachdem ich verlassen wurde von meiner Liebe. Meine Liebe scheint ihnen nichts zu sagen. Warum sagen die, das war dann ja wohl nicht der Richtige. Das können die doch nicht immer dann sagen, wenn ich verlassen wurde. Jeder liebt, und es sagt uns nichts [...] Ich versteh mich ja selbst nicht, wie ich da noch lange leben kann, wenn mich die Liebe verlassen hat, die uns doch was sagen soll."
In ein abendrotes Panorama einer verlassenen Rinderranch quetschen sich zwei Reifrock-Damen und ein Chor aus Sheriffs, alle bewaffnet. Und die Figuren, ob weiblich oder männlich werden allesamt von Frauen gespielt und erklären sich die Unwirklichkeit ihrer Existenz, denn sie sind nur Dialoge in einem Drama auf der Bühne. Und die Tragödie sei sowie so nur da, um die übersteigerte Selbstachtung des Publikums zu nähren. Es gibt dieses ausschließliche Verlangen nach Tragödie, aus Tragödien mit einem Höchstmaß an gesteigerter Selbstachtung herauszukommen. Vom Winde verweht" oder "Jeanne d'Arc" könnten sie spielen, wäre da nicht der Sprechchor, den die Johanna in Ritterrüstung abwehrt. Man könne sie doch nicht im Chor anschreien, zweifelnd: "Wie melodramatisch ist doch der Gedanke, man hätte sein Leben versäumt. Es wäre an einem vorbeigegangen, oder man wäre gescheitert. Normalerweise nutzt man das Scheitern als Beweis dafür, dass alles Großartige auf dieser Welt scheitern muss". Alles nur Selbsterhaltung.
"Glaubst du denn, ich habe all die Jahre gewartet?" Nach fünf Jahren taucht Johnny wieder auf. Ihr stockt der Atem, als könne man einfach im Damals ansetzen und fortfahren. "Ja, wieso nicht, wir haben uns vor fünf Jahren in einer Bar kennengelernt und nun treffen wir uns in einer Bar wieder." Sie hätte sich natürlich umbringen können, aber sie hat sich alles auf der Ranch selbst aufgebaut, jeden Nagel, jedes Brett hat sie selbst angeschlagen. Reine Selbsterhaltung, ergänzt sie. Sie hat nicht auf ihn gewartet. Doch der Schmerz ist noch im Raum, das Verlassenwerden, der Betrug und die laute Eifersucht. "Die Liebe ist nicht etwas, das man dazu benutzt, um jemanden los zu werden." Mit der Liebe meinen Polleschs Figuren hier ihrer rein körperliche Form, denn mit dem Betrug renkt die Leidenschaft das echte Gefühl aus.
Die Figuren wechseln, tauschen sich aus. Die Rinderzüchterin wird zur Psychotherapeutin mit der untreuen Gattin Emma. Sie rechtfertigt sich: "Ich habe es doch nur getan, um dir näher zu sein." Den blonden Knappen Johnny mit den vollen Brüsten nennt sie die kleine Sexundzwanzigjährige. Vom zurückgekehrten Liebhaber wird er nun zur verführten Patientin. Täter und Opfer in einer Figur. Geschlechterrollen lösen sich bei Pollesch auf. Doch Johnny kann seine Eigenliebe doch nicht nur einer anderen geben. "Nach der Liebe kommt keine Liebe mehr, keine andere und keine neue. Die Liebe bleibt, bleibt für immer und immer, und ewig", schreit sie hysterisch und hält am eigenen Glauben an die Liebe fest.
Und die Heilige Johanna zitiert Adorno: "Treue heißt nicht Ausschließlichkeit, sondern symmetrisch definiert heißt es: nicht wegrennen, wenn es anstrengend wird." Oder: "Man findet niemals eine bessere Liebe. Niemals. Wenn man das denkt, hat man nie geliebt."
Dabei sind alle Konstellationen der Paare mittelmäßig wie ein Teil der SchauspielerInnen auch bewusst mittelmäßig professionell besetzt. Und die Heilige Johanna fragt sich, ob sie von diesen Paaren, nicht mal einer verbessern wollte, etwas Optimaleres suche. Wenn doch alles auf Optimierung im Leben zielt.
Eine Tragödie. Die Heilige Johanna, hier eine einsame Anti-Heldin hadert - in einem Monolog aus sich wiederholenden Worten, um ein und dieselben Gedanken kreisend und festbeißend - mit der Austauschbarkeit und stetigen Fortsetzung der partnerschaftlichen Liebe in unserer Gesellschaft : "Jeder liebt, und auf seine Art, und es sagt uns nichts. Wie anders ist es zu erklären, dass die Freunde mir raten, am Leben zu bleiben, nachdem ich verlassen wurde von meiner Liebe. Meine Liebe scheint ihnen nichts zu sagen. Warum sagen die, das war dann ja wohl nicht der Richtige. Das können die doch nicht immer dann sagen, wenn ich verlassen wurde. Jeder liebt, und es sagt uns nichts [...] Ich versteh mich ja selbst nicht, wie ich da noch lange leben kann, wenn mich die Liebe verlassen hat, die uns doch was sagen soll."
In ein abendrotes Panorama einer verlassenen Rinderranch quetschen sich zwei Reifrock-Damen und ein Chor aus Sheriffs, alle bewaffnet. Und die Figuren, ob weiblich oder männlich werden allesamt von Frauen gespielt und erklären sich die Unwirklichkeit ihrer Existenz, denn sie sind nur Dialoge in einem Drama auf der Bühne. Und die Tragödie sei sowie so nur da, um die übersteigerte Selbstachtung des Publikums zu nähren. Es gibt dieses ausschließliche Verlangen nach Tragödie, aus Tragödien mit einem Höchstmaß an gesteigerter Selbstachtung herauszukommen. Vom Winde verweht" oder "Jeanne d'Arc" könnten sie spielen, wäre da nicht der Sprechchor, den die Johanna in Ritterrüstung abwehrt. Man könne sie doch nicht im Chor anschreien, zweifelnd: "Wie melodramatisch ist doch der Gedanke, man hätte sein Leben versäumt. Es wäre an einem vorbeigegangen, oder man wäre gescheitert. Normalerweise nutzt man das Scheitern als Beweis dafür, dass alles Großartige auf dieser Welt scheitern muss". Alles nur Selbsterhaltung.
"Glaubst du denn, ich habe all die Jahre gewartet?" Nach fünf Jahren taucht Johnny wieder auf. Ihr stockt der Atem, als könne man einfach im Damals ansetzen und fortfahren. "Ja, wieso nicht, wir haben uns vor fünf Jahren in einer Bar kennengelernt und nun treffen wir uns in einer Bar wieder." Sie hätte sich natürlich umbringen können, aber sie hat sich alles auf der Ranch selbst aufgebaut, jeden Nagel, jedes Brett hat sie selbst angeschlagen. Reine Selbsterhaltung, ergänzt sie. Sie hat nicht auf ihn gewartet. Doch der Schmerz ist noch im Raum, das Verlassenwerden, der Betrug und die laute Eifersucht. "Die Liebe ist nicht etwas, das man dazu benutzt, um jemanden los zu werden." Mit der Liebe meinen Polleschs Figuren hier ihrer rein körperliche Form, denn mit dem Betrug renkt die Leidenschaft das echte Gefühl aus.
Die Figuren wechseln, tauschen sich aus. Die Rinderzüchterin wird zur Psychotherapeutin mit der untreuen Gattin Emma. Sie rechtfertigt sich: "Ich habe es doch nur getan, um dir näher zu sein." Den blonden Knappen Johnny mit den vollen Brüsten nennt sie die kleine Sexundzwanzigjährige. Vom zurückgekehrten Liebhaber wird er nun zur verführten Patientin. Täter und Opfer in einer Figur. Geschlechterrollen lösen sich bei Pollesch auf. Doch Johnny kann seine Eigenliebe doch nicht nur einer anderen geben. "Nach der Liebe kommt keine Liebe mehr, keine andere und keine neue. Die Liebe bleibt, bleibt für immer und immer, und ewig", schreit sie hysterisch und hält am eigenen Glauben an die Liebe fest.
Und die Heilige Johanna zitiert Adorno: "Treue heißt nicht Ausschließlichkeit, sondern symmetrisch definiert heißt es: nicht wegrennen, wenn es anstrengend wird." Oder: "Man findet niemals eine bessere Liebe. Niemals. Wenn man das denkt, hat man nie geliebt."
Dabei sind alle Konstellationen der Paare mittelmäßig wie ein Teil der SchauspielerInnen auch bewusst mittelmäßig professionell besetzt. Und die Heilige Johanna fragt sich, ob sie von diesen Paaren, nicht mal einer verbessern wollte, etwas Optimaleres suche. Wenn doch alles auf Optimierung im Leben zielt.
"Wenn es einem schlecht geht, geht es jemanden irgendwo anders auf der Welt besser." Dabei herrscht doch eine beruhigend ausgleichende Gerechtigkeit. "Wenn die eigene soziale Situation sich ändert, dann bricht gleich die ganze Welt zusammen, für dessen Zentralgestirn sich die meisten Menschen halten."
Und die Worte und Gedanken der Polleschen Protagonisten kreisen um Austausch, kapitalistisch geprägtes Sozialverhalten, den Individualismus und die linksorientierte Gesellschaft, das Scheitern und den Neubeginn, den Kreislauf und die Ausdauer. Man hat ja ein ganzes Leben zu füllen, mit Geschichten und Liebe und manchmal eben auch nur kleinen Liebesgeschichten, die Lebenssinn stiften. Da kann man nicht einfach sterben und das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Sie beleuchten die darstellende Kunst wie die Gesellschaft. Die Tragödie wird zum psychologisches Abbild unserer Triebhaftigkeit und die Worte sind in Sarkasmus und Paradoxa verschlungen, dass man die Liebe in ihrer Einzigartigkeit und uns als einzigartige Wesen am Ende selbst nicht mehr zu definieren wagt.
"Vielleicht könnten wir durch die Liebe hinter das Geheimnis unserer Austauschbarkeit kommen, hinter die Austauschbarkeit unserer Einzigartigkeit in dieser Gemeinschaft."
"Es kann sich doch nicht alles in Austauschbarkeit auflösen. Ja, ja, auf das Herz hören. Aber unser Herz sagt doch alles drei Minuten etwas anderes."
"Und ich werde den Gedanken nicht los, dass hier grundsätzlich etwas falsch läuft."
"Man kann doch nicht aus jedem Scheitern mit einem noch größeren Ego hervor gehen."
Scheitern. Ja, und was raten einem die Freunde, war nicht der Richtige, kommt schon jemand Neues, etwas Besseres. Wenn die Austauschbarkeit von Partnern Konsens ist, könnte man ja auch einfach mal den Freundeskreis austauschen, so Pollesch. Zum Schluss kommt es in der Tragödie zu einem Schussgewitter aus Patronen, sie fallen, alle, stürzen und nur die Heilige Johanna tapst gebrechlich über die Scherben: "Schon wieder überlebt, warum kann ich denn nicht mal aus Liebe sterben?"
mehr_Neues vom Dauerzustand am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Und die Worte und Gedanken der Polleschen Protagonisten kreisen um Austausch, kapitalistisch geprägtes Sozialverhalten, den Individualismus und die linksorientierte Gesellschaft, das Scheitern und den Neubeginn, den Kreislauf und die Ausdauer. Man hat ja ein ganzes Leben zu füllen, mit Geschichten und Liebe und manchmal eben auch nur kleinen Liebesgeschichten, die Lebenssinn stiften. Da kann man nicht einfach sterben und das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Sie beleuchten die darstellende Kunst wie die Gesellschaft. Die Tragödie wird zum psychologisches Abbild unserer Triebhaftigkeit und die Worte sind in Sarkasmus und Paradoxa verschlungen, dass man die Liebe in ihrer Einzigartigkeit und uns als einzigartige Wesen am Ende selbst nicht mehr zu definieren wagt.
"Vielleicht könnten wir durch die Liebe hinter das Geheimnis unserer Austauschbarkeit kommen, hinter die Austauschbarkeit unserer Einzigartigkeit in dieser Gemeinschaft."
"Es kann sich doch nicht alles in Austauschbarkeit auflösen. Ja, ja, auf das Herz hören. Aber unser Herz sagt doch alles drei Minuten etwas anderes."
"Und ich werde den Gedanken nicht los, dass hier grundsätzlich etwas falsch läuft."
"Man kann doch nicht aus jedem Scheitern mit einem noch größeren Ego hervor gehen."
Scheitern. Ja, und was raten einem die Freunde, war nicht der Richtige, kommt schon jemand Neues, etwas Besseres. Wenn die Austauschbarkeit von Partnern Konsens ist, könnte man ja auch einfach mal den Freundeskreis austauschen, so Pollesch. Zum Schluss kommt es in der Tragödie zu einem Schussgewitter aus Patronen, sie fallen, alle, stürzen und nur die Heilige Johanna tapst gebrechlich über die Scherben: "Schon wieder überlebt, warum kann ich denn nicht mal aus Liebe sterben?"
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