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Zarte Fäden und der Duft von Birnen

Zwei Frauen treffen sich am Ortsrand, zwischen Acker und Graben. Eine noch jung und der Problembewältigung in der Klinik entflohen, oder den Menschen. Eine allein, schwer hebend, etwas schweres Unbekanntes tragend. 

Auf der Kuppe der schmalen Straße durch die Felder und Weinberge flimmerte die Luft über dem Asphalt. Als Liss mit dem alten offenen Traktor langsam hügelan fuhr, sah diese aus wie Wasser, das flüssiger war als normales Wasser; leichter und beweglicher. Sommerwasser. Man konnte es nur mit den Augen trinken.
Ewald Arenz beschreibt in „Alte Sorten“ die Konsistenz von Wasser, Luft und Licht so eindringlich, dass man als Leserin sofort in der Stimmung dieser derben Landidylle, in der sich Sally und Liss begegnen, mitschwingt. Wie schmecken die alten Sorten der Birnen, die auf Liss Grundstück wachsen und jedem Morgen in einer kleinen Schale für sie auf dem Tisch stehen - das ertastet Sally vorsichtig in kleinen Bissen. Spuren von Kardamom und Zimt. Schmecken, spüren, genießen … Liss hat sofort erkannt, dass das Mädchen nicht gut im Essen ist. Doch sie lernt gern und schnell. Bei all den Naturerfahrungen, die ehrlichen vom Kartoffelnausheben, die harten von der Eisweinernte, die archaischen vom Hasenausnehmen. 
Für jemand, der immer an einem Ort ist, sind sechs Tage gar nichts. Ein Tag wie der andere, und sie fließen ineinander. Für jemanden, der auf der Flucht ist, sind sechs Tage viel. Das Mädchen machte, dass ihre Tage länger wurden und nicht mehr so unbemerkt verflogen.
Sie lässt sie sein, auch ihre Impulsivität, sie fragt sie nicht aus, sie lässt sie bei sich wohnen. Ein Zimmer im Haus mit viel Raum. Ihr ein Zuhause geben - so wird sie es später nennen und Sallys Mutter ins Gesicht schreien. Sie kam ihr immer viel zu nah, trieb sie in die Enge und schließlich in die Flucht.

Zwei Frauen, die sich schwer tun im Halten, aber gut sind (nicht) im Aushalten/Ausharren. Geschichten aus der Vergangenheit holen Liss ein, das ist das Land ihres Vater, das sie hier beackert. Es ist breit über die Kommune verteilt. Sie beherrscht schweres Landgerät wie Messer und Pistole. Eine Frau allein auf dem Land. Ein herrenloses Rad auf dem Hof. Die Dorfbewohner meiden sie. Sally stellt ihr auch keine unangenehmen Fragen. Das Mädchen mit der Wut im Bauch erinnert sie an jemanden. 
Wenn man von jemand alles wusste, dann konnte man ihn an tausend Fäden halten.
Sie ähneln sich - beide autonom und allein, beide lassen sich nur schwer „festbinden“ oder können Zwischenmenschliches nicht aushalten. Nähe ist ihnen unheimlich, aber die neue Distanz können sie aushalten. Es entspinnt sich eine leise Freundschaft - eine Geflohene, eine Dagebliebene. Ich mag dieses Zusammenstoßen von der Sinnlichkeit, zarter Natur und archaische Landarbeit: Das Feld bestellen, schweres Gerät beherrschen, Eingeweide aus Tieren lösen. Wiederentdeckung des Schreckens keimt auf. Schöne Erinnerungen auch. Ein verborgenes Geheimnis lüftet sich. Auf einmal ist Liss auf der Flucht vor sich selbst.

Rührend, spannend, faszinierend - ein Fluss. Diese Frauen haben mich auf einer Italien-Reise im Herbst nicht losgelassen. Ihre Geschichten aufgesaugt, versucht zu verstehen. Arenz schreibt sinnlich, psychologisch und spannenden und findet so viele gute Sätze, dass man traurig über das Ende der Buchs werden kann.

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