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Gefühlsstärke 17: Wind im Herzen

Caroline Wahls „Windstärke 17“ nimmt mich mit. Nach Hamburg, Rügen, Berlin. In die Seele der erwachsen gewordenen Ida. Die kleine Schwester lässt tief blicken in ihr Innenleben. Tiefer als ihre große Schwester Tilda in „22 Bahnen“, die eher rational und zwanghaft tickt. Ist mir die Kleine näher? 

Den Hype um Caroline Wahls „22 Bahnen“ konnte ich nicht Fühlen. Die Story um Struktur und Zwang und früher Verantwortung reizten mich, ich erwartete viel. Doch der Jugendslang, die platte Sprache und die Stereotype um die erste Liebe und die Alkoholabhängigkeit der Mutter langweilten mich. „22 Bahnen“ enttäuschten mich. Zu rational, zu steif. Es fehlte mir an Emotionen. Davon gibt es in Idas Perspektive in „Windstärke 17“ mehr als genug: ihre Leere, ihren Wutklumpen im Bauch und die 4-7-8-Atemtechnik gegen die Panik. Da ist ein verwundetes Kind, das eine Heimat sucht. 

"Der Wutklumpen beginnt zu lodern, will Tilda weh tun und sagt: „Ich brauche keine Hilfe, Tilda. Du bist gegangen, und jetzt ist alles so, wie es ist, und du kannst es nicht mehr ändern. Sie ist tot. Und ich bin noch da. Und das ist mein Leben. Nicht deins. (...)
Und ich hasse mich für dies Wut, aber ich kann nichts dagegen tun, mein Kopf brüllt, es gibt einfach Menschen wie Mama und mich, und die sind scheiße und kaputt, brüllt er."

Die verlorene Ida: Lost im Flugmodus

Das Haus in der Fröhlichstraße, in dem die Geschwister aufwuchsen, liegt nun in der Vergangenheit. Ihre Mutter ist tot. Die Wohnung ist gekündigt. Der wackelige Rollkoffer folgt Ida auf ihrer Flucht - vor dem Geschehenen, ihrer familiären Vergangenheit, ihrer gefühlten Verantwortung. Doch bei ihrer Schwester Tildas in Berlin kommt Ida nicht an. Ein kindlicher Trotz oder verletzter Widerstand lässt sie erst nach Stralsund und weiter nach Rügen rollen. Sie vergräbt sich in den Sitzen des ICEs. Flugmodus an. Nachrichten, die ins Leere laufen. 

"Tilda: Du hast komplett zugemacht seit ... 
Tilda: Du redest nicht mit mir. 
Tilda: Und dann rufst du in dieser Nacht an und sagst, dass du stirbst, dass dein Herz stirbt, und fährst dann auf diese Insel."

Eine Zwischen-Heimat, ein Meer vor der Haustür, eine lauernde Liebe

Hustend quartiert sich Ida auf der Insel in einem Hostel ein, geht bei Wind und Wetter in der Ostsee schwimmen, sucht sich einen Nebenjob in einer Bar. So trifft Ida auf Knut und später Marianne. Bricht zusammen. Das Paar nimmt sie unter ihre Fittiche. 

Nun sitze ich als Leserin mit Ida am Frühstückstisch von Marianne, schlüpfe in ihren Plüsch-Anzug, bin in Hamburger Elektro-Clubs unterwegs, lass mich von Regen und Wellen verschlingen. Am Horizont taucht ein Surfer auf. Sie verliert sich zwischen Mariannes sicherem Hafen in der Liebe und in Unsicherheit. Leifs Worte „Ich tu dir nicht gut“ passen in das Leben einer 17-Jährigen, die sich zum ersten Mal richtig verknallt. Die Beziehung zu Marianne intensiviert sich. Tilda erreicht Ida kaum noch. Als sie sich sehen, ist die Distanz groß. Zwischen den Orten und Wellen klären sich die Gefühle. Schmerz, der ganz langsam an- und weggespült wird. 

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