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Kindheit – Jugend – eins, zwei, drei …

Ihre Kindheit und Jugend, ihr Weg in die berufliche Selbstständigkeit zur Dichterin in den 30ern Dänemarks: Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie ist schonungslos ehrlich und packend. Darin personifiziert sie ihre Kindheit und Unabhängigkeit auf eine wunderbar bildhafte Art. 

Hier wird Feminismus erkämpft, nicht nur zum Sinnbild der eigenen Freiheit und Vorteile. Sie zeichnet die Beziehungen und Brüche zu den Menschen ihres Lebens, vornan ihrer Mutter, hintenan die ihr schwindenden Männer. Tove Ditlevsen gilt als Vorläuferin von Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die Originalherausgabe erschien 1967 und wurde jetzt in über 30 Sprachen im Aufbau Verlag (https://www.aufbau-verlage.de/autor-in/tove-ditlevsen) veröffentlicht. Lektüre zum Aufsaugen.


 
Über das gestörte Verhältnis zu ihrer Mutter schreibt sie:

Also mag sie mich vielleicht doch? Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss ich immer suchen. Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden. Das ist eine mühsame Arbeit, weil ich gleichzeitig so viele Dinge vor ihr verbergen muss.

und benennt ihr Kleinsein treffend:

Die Schamesröte steigt mir ins Gesicht, wie immer, wenn ich der Grund dafür bin, dass meine Mutter eine Kränkung zugefügt wurde. ... Ich sehe zu ihr auf und erkenne mehrere Dinge auf einmal: Sie ist kleiner als andere erwachsende Damen und jünger als andere Mütter, und es gibt eine Welt außerhalb unserer Straße, die sie fürchtet. Und wann immer sie und ich diese Welt gemeinsam fürchten, fällt sie mir in den Rücken.

Über die Kindheit

Wohin man sich auch wendet, ständig stößt man dabei gegen seine Kindheit und tut sich weh, weil sie kantig und hart ist und erst aufhört, wenn sie einen vollkommen zerrissen hat. 

Jugend und die Suche nach Unabhängigkeit

Auf der Suche nach Erfolg und Orientierung begegnet sie Männern, die einfach so wieder verschwinden. Der hustende Herr Krogh attestiert ihr Talent. Vermittelt ihr den Kontakt zu einem Verlag, der Werke junger Dichterinnen und Dichter veröffentlicht. Dann ist er weg, mit ihm sein ganzes Wohnhaus. Die Kälte ihrer Mutter bleibt, sie wohnt da nur um Miete zu zahlen.

Während ich die Treppen zum Hinterhaus hochgehe, packt mich die Furcht, dass ich niemals von diesem Ort wegkomme, wo ich geboren bin. Plötzlich kann ich ihn nicht mehr ausstehen und finde jede Erinnerung daran finster und traurig. Solange ich hier wohne, bin ich zu Einsamkeit und Anonymität verdammt. Für die Welt bin ich nicht von Bedeutung, und immer, wenn ich einen Zipfel von ihr erhasche, entgleitet sie mir wieder. Menschen sterben, ihre Häuser werden abgerissen. Die Welt verändert sich unaufhaltsam, und nur die Welt meiner Kindheit bleibt bestehen. Oben im Wohnzimmer sieht es aus wie immer.
Eines Tages fordert sie Aksel zum Tanz auf. Er wird ihr erster Freund, und ihr Verlobter. Liebevoll, aber kindlich, leichtsinnig, verantwortungslos. Elf Lehrstellen hat er abgebrochen. Seine Eltern warnen sie.
Und ich brauche niemanden, der mich versorgt. Ich kann davon leben, Gedichte zu schreiben.“ Der letzte Satz rutscht mir versehentlich heraus, und ich werfe Aksels Eltern einen erschrockenen Blick zu. Sie scheinen nicht besonders verwundert. „Ich wusste, dass du kein gewöhnliches Mädchen bist“, sagt die Mutter. „Das merkt man dir an.

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