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Ein Spalt Ahnung. Einmal durchatmen, bitte.


Das Kind. Die Mutter. Eine Wohnung. Zwei Jahre. Rückzug, weil die Mutter seit der Geburt psychotische Episoden durchwehen. Der Autor Mischa Mangel komponiert in „Ein Spalt Luft“ (Suhrkamp, 2021) eine bild- und sprachgewaltige Collage.

Die Spurensuche windet sich durch Märchen, Träume, Protokolle, Gesprächsnotizen, Literaturextrakte und Briefe. Träume von Knochen, Gliedmaßen, die abfallen oder entfernt werden. Kindheitserinnerungen an Wohnhäuser, Straßenpflaster, Schulhöfe, Beton, Luftgitter, Treppenhäuser, Begegnungen und Briefumschläge. Erzählungen vom Miteinander. Gesprächsfetzen von Familienangehörigen darüber, wie es wohl gewesen sei? E-Mails in dritter Person verfasst: Deine Mama. Dann wieder großgeschriebene Zeilen von wirren Gedanken: Die Stimmen. Die Drohungen, die Beleidigungen. Schreit sie, schreit es in ihr. Das Märchen von Hänsel und Gretel wird zu einer Abwandlung: Von einem, der auszog, die Menschen kennenzulernen? Bei der Mutter auszog, um von den anderen Kindern, den Geschwistern, der Geliebten noch das Miteinander zu erlernen.
"Wohin, Hans?" "Zur Gretel, Mutter" "Mach's gut, Hans." "Schon gut machen. Adies, Mutter." "Adies, Hans" (S. 210)
Protokolle des Jugendamts oder Amtsgerichts schreiben es sachlich fest. Ungelenk, aber bemüht sei der Umgang der Mutter mit dem Kind: Das Kind nimmt Kontakt auf, es stellt ihr Fragen, meist banale Fragen, bezieht sie ein, um im Kontakt zu sein. Das Kind spielt allein, das Kind möchte die Mutter besuchen, es kommt verstört, verschwiegen und freudlos von den Besuchen zurück (S. 194). Die sachliche Perspektive schafft es nicht, den Leser auf Distanz zu halten. Die Mutter schon.  

Wollte sie es nicht? Der Autor greift Orna Donaths „Regretting motherhood“ auf. Doch schließt eine psychische Erkrankung den Kinderwunsch ja nicht aus. Löst die Geburt die psychische Krise aus? Woher die fehlende Nähe in der Beziehung, die Entfremdung kommt, bleibt unklar. Mit der von Donath Interviewten eint sie die Überforderung mit der Mutterrolle und die Vernachlässigung ihres Kindes: Das Kind spielt allein, das Kind sitzt im Dunkeln, das Kind soll leise sein, jetzt schlafen (S. 168).
Einmal sei sie durch die Straßen der Stadt gelaufen und habe ein Kind in den Armen gehabt, einige Monate alt. ... und das Kind habe in ihren Armen geweint und geschrien. Sie sei auf ihrem Weg zu jeder Haustür gegangen und habe versucht, die Tür zu öffnen. Wenn jemand zu Hause gewesen sei und ihr geöffnet habe, sei sie durch das Treppenhaus zur Wohnungstür gegangen. Wenn das Geschäft geöffnet gewesen sei, habe es sie betreten und sei direkt zur Kasse gegangen. Sie habe an jeder Wohnungstür gefragt, ob sie dieses Kind kennen würden, ob es ihnen gehöre. Das Kind weine und schreie, und sie wisse nicht, was sie mit ihm anstellen solle, habe sie gesagt. Was stelle man an, mit so einem weinenden und schreienden Kind, habe sie gesagt. Es sei auf einmal da gewesen, habe sie gesagt, sie wisse nicht, wie und wann, und jetzt wisse sie nicht, wohin damit.  (S. 212)

Die verschwommenen Momente scheinen sich aus Traum, Erinnerung und Erzähltem zu speisen, zu vermengen. Von „Ein Spalt Luft“ bleibt am Ende eine Mischung aus Ratlosigkeit und Erleichterung, tagelang absorbiert von einem düsteren Sog. Das Kind vom Vater gerettet endet das Buch mit einer positiven Kindheitserinnerung, dem Fliegen am Strand. Einem leichten Moment. Der Erwachsene hat es aufgearbeitet - die Sprache als Weg der Heilung.


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