Ida pflegt als Kind ihren kranken Vater, für das Personal sei das nicht zumutbar, für ihre Mutter auch nicht. Die Mutter putzt den Tag über jeden Winkel, lüftet den Dunst der Krankheit hinaus; die Tochter pflegt derweil auch die Beziehung zu ihrem geliebten Vater. Warum die Mutter Abstand zum Vater hält, dahinter gelangt Ida erst Jahre später - auf dem Sofa von Sigmund Freud. Sie ist seine erste Analyse-Patientin, besser unter dem Pseudonym „Dora“ bekannt, prägte sie das damalige Bild der weiblichen Hysterie als Krankheit.
In „Ida“ erzählt Katharina Adler das Leben ihrer jüdischen Urgroßmutter. Die Begegnung mit Freud ist auf ein Kapitel reduziert, das klärt und verstört. Zum einen ist es ein zentrales Element und führt wichtige Geschehnisse zusammen, zum anderen zeigt es die Anfänge der Psychoanalyse und ihre suggestiven und einseitigen Unternehmungen, Wahrnehmung, Körper, Gefühl und Bedürfnis zusammenzubringen.
Bestimmt verstimmt: Die Symptome der Ida
Fraglich bleibt, unter was Ida wirklich leidet: Depression, Mutismus, Aufmüpfigkeit. Was davon ist Jugend, was davon ist pathologisch? Synästhesie begleitet sie und eine sehr psychosomatische Symptome: Husten, Migräne, Bauschmerzen. Viele grausame Behandlungen muss sie über sich ergehen lassen. Und landet schließlich auf Freuds Diwan, bei dem sie sich verstanden und nach der ersten Sitzung mit 16 Jahren erleichtert fühlt, denn endlich hört ihr jemand zu und scheint sie und ihre Wahrnehmung ernst zu nehmen. Nach Ohnmacht, Suiziddrohung und anhaltender Verstimmung bringt ihr Vater Ida wieder zu Freud. Jedoch fokussiert Freud darin nur die Sexualität, suggeriert ihre "nur" unterdrückte Lust und lässt gesellschaftliche Faktoren, wie den männlichen Machtmissbrauch und die Überforderung des Mädchens außen vor. Sie ist schließlich verschreckt vom deutlich älteren Hanns, einem Freund der Familie, der ihr mit 13 Jahren schon nachstellt, ihr Komplimente macht, in den nächsten Jahren im Laden über sie „stolpert“ und am See zudringlich wird, sie in die Flucht treibt. Sie fliehen kann. Annäherung oder Übergriff? Schuld oder unerwarteter Liebessturm? Entdeckt hier eine 15-Jährige in der Jahrhundertwende nur ihre Weiblichkeit und Lust?Sie hatte nichts mehr sagen können, nicht einmal zum Papa. Sich nur entschuldigt, sie müsse ruhen. Einfach zu weit, viel zu weit. Hinter ihrer Stirn war ein derartiger Sturm gewesen, sie hatte kein Auge zugetan. … Aber wunderschön, wunderschön wollte sie sein. Nicht für ihn! So ging es hin und her. Irgendwann war sie eingeschlafen. … Als sei sie an eine Spule angeschlossen, so elektrisch schmerzten ihre Nerven, so spannte ihre Haut in der folgenden Nacht, so abgeschnürt waren ihr Brust und Hals, kaum atmen konnte sie. … Am nächsten Morgen hatte sie Gliederschmerzen vor Müdigkeit und zog sich dennoch in Windeseile an, damit Hanns sie nicht unbekleidet überraschen konnte … Noch einmal, um sicherzugehen: Vor zwei Jahren, im Juni, war Hanns auf sie gestolpert. Sie fünfzehn, der Hanns achtunddreißig. … Und eines Morgens beim Ankleiden brach plötzlich der Boden unter ihren Füßen weg. Sie hatte das Gefühl gehabt, in dem See, der in ihr aufstieg, zu ertrinken. (S. 258)Glauben wird ihr niemand, das Mädchen verstummt. Freud rahmt es als Vaterverlust, weil der sich seiner Geliebten und Hanns Frau Pepina zuwendet und zeichnet eine Linie der Frauen, durch Krankheit Aufmerksamkeit erheischen zu wollen. Dabei geht Pepinas Zuneigung für Hanns ja durch die Affäre mit dem Vater verloren, und seine Tochter gerät in den Fokus des Verstoßenen.

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