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Fußgeflüster

Einmal eintauchen in die Vor- und Nachwendezeit-Geschichten der 20-geschossigen Platte in Berlin-Marzahn. Ein liebevolles Gefühl entfaltet sich bei mir, die nur die sechs- oder elf-geschossigen Neubauten aus der Kindheit kennt. 
Wir zoomen rein in das kleine Studio am Fuße dieser Platte, früher eingereiht in eine Ladenstraße, die mal ein sozialistischer Wohnungsbau-Traum war. Katja Oskamp eröffnet mit „Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin“ (Hanser Berlin, 2019) mikroskopische Porträts von Arbeiterinnen und Arbeitern, von ungleichen Paaren, von Alter, Krankheit und Verlust gebeutelten Menschen; zu denen ihre Chefin Tiffy und Kollegin Flocke im Studio wohl auch gehören.



Katja Oskamp hat sie bei ihrer Arbeit gesammelt, denn die Schriftstellerin arbeitet wirklich seit 2015 in einem Fußpflege-Studio. Das authentische Beobachten spürt man beim Lesen. Sie erzählt nicht nach, was ihr jemand erzählt hat, sie war dabei. Auf pinken Stühlen hinterlassen die Kunden ihre Geschichten, tragen sie vor, auf und ab, und fort  … wie Oskamp ihre Horn- und Nagelhaut. 

Ein Gepäck voller Krankheiten

Rührend ist die Geschichte von Herr Pauhlke, der erst den Krebs bezwingt, um Reisen zu gehen, dessen Radius sich mittlerweile sehr verengt hat, aber noch immer schelmische Flirtversuche unternimmt. Routiniert hangelt er sich von OP zu OP. Den Takt seines Lebens gibt bis zum letzen Tag der Sechs-Wochen-Turnus im Studio vor. Den letzten Termin sagt seine Frau ab „…er is jestorben.“ (S. 24)

Nach langer Pflege trägt Frau Janusch das Leben ihres Mannes Stück für Stück ab. Es ist dramatisch wie strukturiert und emsig sie vorgeht: erst das Pflegebett, dann die Maschinen und Medikamente, dann arbeitet sie sich durch seine Bücher zu seinem Rückzugsort im Schrebergarten und erschrickt, als sie dort auf seine eingelagerte Tischlerwerkstatt trifft, mit kanisterweise Wein, damals als Kunden-Geschenke vorgesehen. Ihr Leben war erst von Arbeit, dann von der Arbeitslosigkeit ihres Mannes und Tischlers geprägt. (S. 99)

Die Eheleute Huth vereinen Unruhe und Amnesie. Frau Huth kann eigentlich nicht in Ruhe zur Fußpflege, weil sie sich um ihren dementen Gatten sorgt, den sie wie ein Kind hütet, mit immer weniger Aufgaben im Haushalt betrauen kann und nicht in die Hände von Staat oder Institutionen geben will. Er kann sie nicht mehr abholen, er verläuft sich und sie sorgt sich, dass er ihr verloren geht. Sie bringt ihn mit: Nachdem er verträumt die Rätselseite studiert hat, schaut er erstaunt zu ihr - auf die nackten Füße im Wasser: „Und ick dachte, du jehst zum Frisör.“ (S. 133)

Fester Termin der Liebe und des Kontakts

Das Fußpflege-Studio wirkt weniger wie eine podologisch-medizinische Praxis oder ein schicker Wellness-Tempel. Es ist ein letzter verlässlicher Punkt in einem Quartier, das nicht mehr das ist, was es einst war. Wie ein Treff, wo beim Baden, Feilen und Schneiden Fürsorge und Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Marzahner Wohlfühl-Insel mit enger Kundenbindung. Das Geld ist winzig: für gepflegte Füße und gepflegte Seelen.

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