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Und dann kam Mirna

Und dann kam Gerta ... Und dann kam Pauline ... Und dann kam Adam ....und dann ging nichts mehr. Karriere nicht, spontane Konzertabende nicht mehr, Paarleben außerhalb der Wohnung - vorbei. Das geht einfach nicht mehr - mit Kind. So hört man es immer wieder die opfernden Eltern sagen. 

"Wer vor dem Kind kein Talent hatte, entfaltet es auch danach nicht."

Im Stück "Und dann kam Mirna" stellt Sibylle Berg die Mütter in den Mittelpunkt. Nicht die Helikopter-Mütter mit Burnout. Oder doch, auch die. Es geht um vier Mütter-Stereotype, die im Selbstfindungs- und Dauer-Analyse-Modus gefangen sind, in einer Küche, bei zu viel Wein, mit anderen Müttern, die gerne über ihre Lebens- und Berufspläne sinnieren. Aktionspläne schmiedet eine, auf die große Revolution wartend. Die andere will eine Frauen-Kommune auf dem Land gründen und dort am Notebook arbeiten, leidet aber an einer Angststörung. Die nächste träumt noch davon, mit ihrem Studium irgendwann, wenn die Kinder groß sind, etwas anzufangen. Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften oder Kommunikationsdesign hat sie studiert, sagt sie stolz. Sonst macht sie halt irgendwas mit Management.
"Lustlos blättert sie in den Weiterbildungsunterlagen."

Und dann kam Mirna (c) nt Halle

"Jeder hasst Mütter." 

Der Ostersonntag im neuen theater in Halle (Saale) vereint sämtliche Klischees und Nachteile der Mutterschaft auf der Bühne. Das Stück "Und dann kam Mirna" zeigt die gesellschaftliche Diskriminierung von Müttern, aber auch ihre individuellen Qualen. Berg lästert über Glitzer-Birkenstock und braune Stiefel als stilistisches Outing der Mütter. Auch ihren bunten Mützen verraten sie. Ihr Schokolade-Naschen halten sie für frech und schelmisch. Und steht es doch für den eigenen Boykott und die Stagnation, wenn sie damit an Sexappeal einbüßen, mehr als sie müssten. Darf Mutter nicht auch Frau bleiben? Und ist Mütterlichkeit etwas per se Weibliches? Im Stück besetzten Männer die weiblichen Rollen. Besser könnte man nicht zeigen, dass eine Mutter ein Elternteil ist, das auch männlich sein könnte. Dass eine Mutter sich oft selbst zu ihrer Rolle verschafft, zeigt Berg eindrucksvoll.

Mit der Schwangerschaft kommt die körperliche Deformation, und Fragen kommen auf, die hormonelle Weichspülerei und Zweifel: "Warum bekomme ich ein Kind, obwohl ich meine Mutter doch hasse?" Und dann: "Mit der Geburt landet das Gehirn der Mutter im Baby."

In "Und dann kam Mirna" lässt die Regisseurin Katharina Brankatschk das Publikum schmunzeln, taucht es in tiefe verlegene Stille sowie Gelächter, das in der Kehle stecken bleibt. Bei den Extremen macht es Gänsehaut und spült Tränen in die Augen. Denn die kleine Mirna (Sonja Isemer), die Tochter im Stück, schreibt zwar gute Noten, kommt aber nicht so gut klar im politisch-feministischen Umfeld ihrer Mutter. Das bewegt sich zwischen Petitionen für eine bessere Welt, Genderfragen, einer Flucht in Star-Fanpost, Angst und Überforderung. Deshalb will Mirnas Mutter auch weg. Raus aufs Land - mit den anderen. Die Kisten packt ihre Tochter. Widerwillig zwar, aber eine muss es ja machen. Mirna will nicht weg. Was soll sie da auf dem Dorf, bei den Nazis, ohne Internet, in der Landschule. Sie trägt pink und ein Tutu - ganz bewusst. Und heimlich seziert sie Hasen. Das merkt keiner.

Sie wünscht sich doch nur, dass sich ihre Mutter über sie beugt und sagt, dass sie sie liebt, nicht mehr und nicht umgekehrt. Der Wunsch schaukelt sich zwischen allen Umzugsvorbereitungen und der psychischen Abwesenheit der Mutter hoch. "Niemand bekommt das, was er will - in einer sogenannten Familie." Es krächzt und kreischt, dieser Schrei nach Liebe wird eindringlicher mit jeder schluchzenden Wiederholung. 

Keine Landpartie

Am Ende springen alle ab. Eine nach der anderen macht einen Rückzieher, findet eine Ausrede. Keine Mütter-Kommune auf dem Land. Keine Utopie wird Realität. Mirna und ihre Mutter sind allein. Mirna nimmt ihre Mutter auf den Arm. Um die Behördenangelegenheiten wird sie sich kümmern, alles ummelden, und auch den Umzug, das schaffen sie, und sie wird sie trösten: "Ist ja gut, das wird schon."

Sie wird ihrer Mutter keinen Stress machen, und keine Probleme.

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