Im "Lob der Liebe" (2009, Passagen Forum) führt Nicolas Truong ein Gespräch mit dem französischen Philosophen Alain Badiou über seinen Begriff der Liebe. Ein paar Auszüge:
Über die Aussage des Psychoanalytikers Jaques Lacan, dass es keine "sexuelle Beziehung" gibt, die von der skeptischen und moralistischen Konzeption abgeleitet ist (S. 25):
"Jacques Lacan erinnert uns daran, das Sexualität in Wirklichkeit jeder großteils mit sich selbst zu tun hat, wenn ich so sagen darf. Es gibt natürlich die Vermittlung des Körpers des anderen, aber letztlich wird das sexuelle Genießen immer das eigene sein. Das Sexuelle verbindet nicht, es trennt. Dass Sie nackt und an den anderen geschmiegt sind, das ist ein Bild, eine bildliche Vorstellung. Das Reale ist das Genießen, das Sie weit, sehr weit vom anderen wegführt. Das Reale ist narzisstisch, die Verbindung ist imaginär. Also folgert Lacan, dass es keine sexuelle Beziehung gibt. Die Formulierung hat einen Skandal hervorgerufen.
Wenn es keine sexuelle Beziehung in der Sexualität gibt, dann ersetzt die Liebe die sexuelle Beziehung. Lacan sagt eben nicht, dass die sexuelle Beziehung sich als Liebe verkleidet, sondern er sagt, dass es keine sexuelle Beziehung gibt, das die Liebe das ist, was an die Stelle der Nicht-Beziehung tritt. Das ist viel interessanter.
Diese Vorstellung führt ihn zur Behauptung, dass das Subjekt in der Liebe versucht, das "Sein des anderen" zu erreichen, In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus. Im Geschlechtlichen treten Sie letztlich in Beziehung zu sich selbst, vermittelt durch den anderen. Der andere dient ihnen dazu, das Reale des Genießens zu entdecken. In der Liebe hingegen ist die Vermittlung durch den anderen an sich wertvoll. Darin besteht die Liebesbegegnung: Sie bestürmen den anderen, um ihn, so wie er ist, mit Ihnen existieren zu lassen. Es handelt sich dabei um eine viel tiefere Auffassung als die völlig banale Vorstellung, dass die Liebe nur ein imaginärer Anstrich über das Reale des Geschlechtlichen sei."
Drei Auffassungen der Liebe
Truong fragt nach seinen drei widersprüchliche philosophische Konzeptionen der Liebe (S. 27) und Badiou unterscheidet in die drei Hauptauffassungen:- Die romantische Auffassung der Liebe, die sich "auf die Ekstase der Begegnung konzentriert".
- Die kommerzielle/ juristische Auffassung der Liebe, die ein Vertrag zwischen zwei Individuen meint, mit dem sie "erklären, dass sie sich lieben, aber dabei auf die Gleichheit des Verhältnisses, auf das System der beiderseitigen Vorteile achten".
- Die "skeptische Auffassung, die die Liebe zu einer Illusion macht".
Es gibt keine sexuelle Beziehung
Über die Aussage des Psychoanalytikers Jaques Lacan, dass es keine "sexuelle Beziehung" gibt, die von der skeptischen und moralistischen Konzeption abgeleitet ist (S. 25):"Jacques Lacan erinnert uns daran, das Sexualität in Wirklichkeit jeder großteils mit sich selbst zu tun hat, wenn ich so sagen darf. Es gibt natürlich die Vermittlung des Körpers des anderen, aber letztlich wird das sexuelle Genießen immer das eigene sein. Das Sexuelle verbindet nicht, es trennt. Dass Sie nackt und an den anderen geschmiegt sind, das ist ein Bild, eine bildliche Vorstellung. Das Reale ist das Genießen, das Sie weit, sehr weit vom anderen wegführt. Das Reale ist narzisstisch, die Verbindung ist imaginär. Also folgert Lacan, dass es keine sexuelle Beziehung gibt. Die Formulierung hat einen Skandal hervorgerufen.
Wenn es keine sexuelle Beziehung in der Sexualität gibt, dann ersetzt die Liebe die sexuelle Beziehung. Lacan sagt eben nicht, dass die sexuelle Beziehung sich als Liebe verkleidet, sondern er sagt, dass es keine sexuelle Beziehung gibt, das die Liebe das ist, was an die Stelle der Nicht-Beziehung tritt. Das ist viel interessanter.
Diese Vorstellung führt ihn zur Behauptung, dass das Subjekt in der Liebe versucht, das "Sein des anderen" zu erreichen, In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus. Im Geschlechtlichen treten Sie letztlich in Beziehung zu sich selbst, vermittelt durch den anderen. Der andere dient ihnen dazu, das Reale des Genießens zu entdecken. In der Liebe hingegen ist die Vermittlung durch den anderen an sich wertvoll. Darin besteht die Liebesbegegnung: Sie bestürmen den anderen, um ihn, so wie er ist, mit Ihnen existieren zu lassen. Es handelt sich dabei um eine viel tiefere Auffassung als die völlig banale Vorstellung, dass die Liebe nur ein imaginärer Anstrich über das Reale des Geschlechtlichen sei."
Badious Konzeption der Liebe
- "Die Liebe hat zuerst mit einer Unterscheidung oder einer Trennung zu tun, die der schlichte Unterschied zwischen zwei Personen mit ihrer unendlichen Subjektivität sein kann. Diese Trennung ist in der Mehrzahl der Fälle die sexuelle Differenz. [...] Anders gesagt, Sie haben in der Liebe ein erstes Element, nämlich die Unterscheidung, eine Trennung, einen Unterschied, eine Zwei." (S. 31)
- "Der zweite Punkt ist: Eben weil die Liebe eine Trennung behandelt, kann sie in dem Moment, in dem Moment, in dem sich die Zwei zeigt, als solche die Bühne betritt und uns die Welt in neuer Weise erfahren lässt, nur eine zufällige und kontingentere Form annehmen. Das nennt man Begegnung. Die Liebe beginnt immer mit einer Begegnung. [...] Die Begegnung von zwei Unterschieden ist ein Ereignis, etwas Kontingentes und Überraschendes, die "Überraschung der Liebe" - das ist wie Theater. Ausgehend von diesem Ereignis kann die Liebe beginnen und einsetzen. [...] Die Liebe ist nicht einfach die Begegnung und die geschlossene Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern eine Konstruktion, ein Leben, das nicht mehr ausgehend vom Gesichtspunkt des Einen, sondern der Zwei geführt wird. Das nenne ich die "Bühne der Zwei" (Ich persönlich habe mich immer mehr für die Fragen der Dauer und der Prozesse interessiert und nicht nur für die Fragen des Beginns."
Liebe als Verschmelzung - die radikal romantische Liebeskonzeption
Die "romantische Auffassung der Liebe, die noch sehr präsent ist und die sie in gewisser Weise in der Begegnung aufzehrt (consume)". In der "romantischen Mythologie [führt] dieser Verschmelzungspunkt oft zum Tod. [...] weil die Liebe sich im unauspsrechlichen und außergewöhnlichen Augenblick der Begegnung verzehrt hat und man danach nicht mehr in die Welt, die der Beziehung äußerlich bleibt zurück kann.", weist Badiou die radikal romantische Konzeption der Liebe zurück. (S. 33)"Die Liebe ist ein hartnäckiges Abenteuer"
Unter Dauer sollte man weniger verstehen, dass die Liebe dauert, dass man sich immer und auf ewig liebt, sondern das die Liebe eine andere Art erfindet, im Leben zu überdauern." (S. 34)
Liebe als Illusion und "schmückender Schein" - der französischen Moralisten
In der moralistischen Konzeption der skeptischen Tradition wird behauptet, dass es "in Wirklichkeit die Liebe nicht gebe und dass sie nur das Flittergold des Begehrens sei. Das Einzige, was existiert, sei das Begehren. In dieser Sichtweise ist die Liebe nur eine imaginäre Konstruktion, die an das sexuelle Begehren geheftet wird." (S. 35f)
Liebe und Begehren
"Die Verwirklichung des sexuellen Begehrens auch einen seltenen materiellen, absolut mit dem Körper verbundenen Beweise dafür darstellt, dass die Liebe etwas anderes als eine Liebeserklärung ist." (S. 36)
"Im Element der erklärten Liebe diese Liebeserklärung, selbst wenn sie noch latent ist, die Wirkungen des Begehrens und nicht direkt das Begehren hervorruft. Die Liebe will, dass ihr Beweis das Begehren umfasst. [...] Doch die Liebenden wissen noch im wildesten Taumel, dass die Liebe beim Erwachen am Morgen wie ein Schutzengel die Körper umgibt, wenn über den Beweis dafür, dass die Körper diese Liebeserklärung gehört haben, der Freden einkehrt. Deshalb kann die Liebe nicht bloß eine Verkleidung des sexuellen Begehrens sein, eine komplizierte und trügerische List, damit die Fortpflanzung der Gattung sich vollzieht."(S. 37)
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