Direkt zum Hauptbereich

Von der Kraft der Präsenz - Marina Abramovics Biografie

"Durch Mauern gehen" (Luchterhand, 2016) ist die Autobiografie einer der bedeutendsten Performance-Künstlerinnen weltweit: Marina Ambramovic, geboren 1946 in Belgrad, wirft einen Blick zurück auf 70 Lebens- und Schaffensjahre. Das Buch handelt von der Kindheit als Partisanen-Tochter, von ihren Reisen, ihrer spirituellen Suche, der Anstrengung in der Kunst und Kraft der Performance als künstlerische Arbeit, von ihrem Weg zum Ruhm, ihrem Haus in Amsterdam, ihrem Traum vom eigenen Institut und ihren zwei Lebenslieben, beide mit einem Ablaufdatum von 10 Jahren versehen.

Komprimiert, kurzweilig, abenteuerlich und sachlich ist diese Biografie. An einigen Stellen schürft sie die wahre Marina, ständig nackt, körperlich, und doch nagt man in den fast 500 Seiten nur am fest verschlossener Kern ihres Inneren. Kein wirkliches Durchdringen zu ihrer Seele legt sie mit ihrer Biografie offen. Sie widmet das Buch ihren Freunden und Feinden. Sie heiratet nie, hat keine Kinder. Abramovic lebt für die Kunst, und das ist ein hartes Leben, die meiste Zeit ihres Lebens - bis Ende der 90er - war sie nicht berühmt. Künstlerisch aktiv und sichtbar performt hat sie immer.

Sie ist eine Ausdauerläuferin, Masochistin, Spirituelle, Meditationsexpertin, Extremkünstlerin. Sie heilt ein Haus gesund. Lebt in einem Bus. Liebt zwei Mal. Richtig. Erträgt jede Trennung. Hält jeden Schmerz aus, still, in sich gerichtet ist auch die Radikalität ihrer Kunst.

"Die Künstler sind anwesend" steht in den Einladungen, erzählt ihr Klaus Biesenbach, sei für ihn immer der größte Reiz hinzugehen. So initiiert er das Projekt. Und diesmal schenkt sie die Kunst dem Publikum. NIGHTSEA CROSSING, bei dem sie stundenlang Ulay gegenübersitzt, weitet sie in ihrer großen Retrospektive mit THE ARTIST IS PRESENT auf ihr Publikum aus: auf 3 Monate, täglich 8 Stunden, samstags sogar länger, sitzt sie und stellt sich zur Verfügung. Nicht mehr ihrem Partner, sondern ihrem Publikum und damit steht ihre Arbeit im Mittelpunkt. Präsent sein ist fordernd. Achtsam, aufmerksam, anwesend. Die Stille schmerzt. Sehr.
Ich glaube, die Leute wurden überrascht von dem Schmerz, der in ihnen hochkam. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen nie wirklich in ihr Inneres schauen. Wir bemühen uns alle so gut es geht, jede Art von Konfrontation zu vermeiden. Aber diese Situation war ganz und gar anders. Sie hatten stundenlang gewartet, um mir gegenübersitzen zu dürfen. Und dann saßen sie auf einmal vor mir. Wurden vom Publikum beobachtet. Wurden gefilmt und fotografiert. Wurden von mir beobachtet. Sie konnten nirgendwohin, außer in ihr Inneres. Und genau darum ging es. Wir Menschen leiden so großen Schmerz und versuchen ständig, ihn wegzuschieben. Und wenn man emotionalen Schmerz lange genug wegschiebt, verwandelt er sich in körperlichen. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Der Ritter von der traurigen Gestalt und die Illusion des Seins

Ein Anti-Held in einer Gegenwelt, die sich ihr verzaubert gegenüberstellt, und wenn in diesem Theaterprojekt "Quijote. Trip zwischen die Welten" eben die Helden zwar Don heißen aber als Frau, Pferd und Wutbürger, als alles und jeder in Erscheinung treten, sind es wohl wir alle, die tölpelig durch diese Welt (ja, sie ist eine Bühne, Shakespeare!) taumeln, spielen um der Realität zu entfliehen, Rüstungen zur Entfremdung tragen, davon reiten um zu begrenzen und doch wiederkehren, um die Energie wie einen Staffelstab weiterzureichen. Wer geben kann, hat alles. Der Ritter von der traurigen Gestalt will seine eigene Geschichte nicht schließen, die er in Transformation durchquert, die lange noch nicht vorbei ist. Die Liebe ist platonisch und er abstinent, um ihr die Geschichte zu schreiben, von den Heldengeschichten, die keine sind. Etwas sein zu wollen, was man nicht ist. Die Geschichte, das eigene Buch fortzuschreiben, eine Figur zu sein - im Leben. Das Scheitern und unvollko...

Hans, schäme dich!

Er zwingt zu Geduld und akustischer Ausdauer. Hans Unstern und Band schwindelt nicht, er überzieht, wie einmal lang Luftanhalten ist das meditativ-psychedelische Schalgzeugsolo, das den instrumentalen Einstieg von  "Bea criminal"  in das Konzert trommelt. Bei  "Ich schäme mich" , setzt die Stimme klangvoll ein. Die Riesentuba und der Mann hinter den Saiten der Harfe klagt vom Mut, den er doch auch nicht hat und zieht die Stirn unter haarigen Augenbrauen in Runzeln. ".. den großen Streichelzoo im Nacken, mit oder ohne dickem Fell bleiben Ratschläge Schläge und Gitterstäbe Gitterstäbe .. "  Unsterns lebendiges Pseudonym reiht sich als Bandmitglied in die Frontrow, klärt auf, was unverstanden blieb. Sie ist Teil der Band. Kein Schwindel? Und eine erstaunlich bunte Truppe, eine Band, die keine optische Einheit bilden muss, um dem Anspruch der Ausgefallenheit und Vielfalt zu entsprechen, nichts ist gefällig oder nur schön. Der Unstern hat Zöpfe, zwei und ...

Eine helgesker Trommler

Synthie-Sounds, düster bis trashig, rythmisch räumt ein Unaufgeräumter Chris Ilmler seine Drums ab, vertieft in Lyrics auf Plastiktüten, säuselt er Unverständliches ins Microphon, das zum Tanzen bewegt, schiebt Kommentare ein, von der Freude über die Anwesenden, nimmt sich selbst auf die Schippe, schüchtern heroisiert er sich, übertreibt und zieht sich in die Klänge zurück, hochkonzentriert und genau, dabei wirkt er anders. Helegeske Einschübe zu den Gesprächen im Publikum, dem Vermieten des Vermietens wegen, in einem lauten, grinsenden Ausbruch inszeniert er Empfindlichkeit oder einfach nur sich selbst. Am Ende, nach der dritte Zugabe, wie ein Kind, dass nicht vom Spielplatz will, versucht er eine Flucht durch die Bücherwand in den Keller, die misslingt, als fühle er sich so vordergründig auf der Bühne nicht so wohl, oder dann, wenn die Instrumente als Burg und Rüstung nicht mehr da sind, wegfallen, dann schämt auch er sich ein wenig. Es hallt nach: "Ich mache mir Sorgen - um N...