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St. Pauli Tristesse

Bonjour Tristesse, Francois Sagans Roman von 1954 über den Verfall vom Überfluss wird im St. Pauli Theater Hamburg uraufgeführt. Das knarksende Haus mit den Holztribünen und dem Toiletten-Geruch neben der Bühne ist eine Premiere für mich. Im Scheinwerferlicht posieren Langbeinige, Rotköpfige, Wendehälse, torkeln Ewigjunge und Sonnentrunkene. Das Schauspiel von Dania Hohmann erheitert, geht aber nicht nah, ist eher rührend als berührend. Das ist es wohl: das Lebensgefühl der Generation, die gesättigt und leer ist, sich nicht spürt, von der Bonjour Trisstesse handelt.

Raymond (Uwe Bohm) und dessen 17-jährige Tochter Cécile (Josephin Busch) leben ein Leben voller Leichtigkeit, ein inniges und intensives Zweiergespann, zu dem sich periodisch andere, nahezu gleichaltrige Frauen gesellen. Im Sommer verlassen sie Paris und fahren ans Meer. Sie bewegen sich meist zwischen Lust, Exzess und Taubheit und ".. waren erfüllt von Dingen, die wir nicht sagten, von heimlicher Furcht und von Glück." In der Gewissheit, schon alles zu besitzen. Man ahnt es, entnimmt es ihrer Angeschlagenheit und den leern Flaschen, die den Bühnenboden zieren, aber sie spielen es nicht ganz überzeugend.

Gerade noch bräunte sich am Strand neben Raymond die rothaarige Elsa (Anneke Schwabe), kaum älter als seine Tochter, da taucht die elegante Anne (Anika Mauer) auf. Eine Frau aus der Vergangenheit, eine hochmütige, kühle Frau - mit Stil. Raymond, der Sprunghafte bittet um ihre Hand. Eine Frau wie Anne kann man nicht einfach so ... die 17-jährige versteht viel, viel von ihrem Vater. Wenn auch nicht viel von der Liebe.
"Liebe ist unveränderliche Zärtlichkeit, Sanftheit, Sehnsucht ... Dinge, die du nicht verstehen kannst."

Die neuen Anforderungen und Annes Strenge waren Cécile fremd. Sie sieht ihr unabhängiges Leben mit ihrem Vater schwinden. Anne würde alles verändern, bedrohlich erschien sie ihr. In der Langeweile wächst die Lust zur Intrige und die spinnt sie schließlich. Ihren Vater entführen, verführen lassen - nach Plan - er widersteht seiner alten Liebelei in diesem Anflug von Eifersucht nicht. Im schmerzlichen Ausgang der Verwicklung erwacht zum ersten Mal ein authentisches, wirkliches Gefühl: die Traurigkeit. Sie ersetzt der Herzen Mangel. Und am Ende glaubt man Josephin Busch die Cécile, und auch das Gefühl, als ihr Gesicht still bebt.

"Dann steigt etwas in mir auf, das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinem Namen nenne: Traurigkeit - komm, Traurigkeit."

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