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"Vorstellen, verstellen, darstellen ..."

"Das ist die Dreifatigkeit der Kunst", erklärt der Direktor Hassenreuther (Karin Neuhäuser) des verstaubten Theaters dem jungen Theologen Spitta (Mirco Kreibich), der sich dem Wahren zuwenden will, etwas wirklich bewegen will, auf die Bühne muss. "Aber das ist doch Kunst", zweifelt seine Freundin Walburga, die Tochter des Theaterdirektors.

Das Echte sehen. "Die Leute wollen nicht mit der Realität konfrontiert werden", tobt Hassenreuther, dessen Theater die eigene Depression nur überlebt hat, "die wollen genießen" und wendet sich seinem rudimenteren Ensemble zu, einer rothaarige Schönen, die für ihn tanzt und ihm assistiert.

Die wirklich wirkliche Wirklichkeit auf der Bühne? Die drei unternehmen den Versuch dennoch.
Und verlassen die staubigen Räume des leeren Theaters und inspizieren die Obdachlosen, eine raue Horde Wilder, trunken, brutal und animalisch, vergewaltigen sie die Schauspielerin.

Es unterbricht die Maske, aufatmen, nur ein Spiel. Da fallen die Haare, da entlarvt die Maske den Direktor und lässt ihn zur Frau werden. Die Figuren verschmelzen zu anderen, zu Spielern, zu Fratzen, zu Fremden. Licht an, das dunkele Backstage plötzlich im Rampenlicht. Er läuft gegen die offene Tür, der Vorhang fällt. War auch nicht echt.


Die Bühne, die Gaderobe, der Keller

In der Adaption von Einar Schleef wird Gerhard Hauptmanns Tragikkomödie "Die Ratten" auf  "Die Schauspieler" gelegt und zeichnet deren Aufstieg und Absturz dieser nach. Der Tanz der anbiedernden Rothaarigen auf der Bühne, das Proben des Spitta in der Gaderobe und die gescheiterte Trunkene im Keller. Der Stoff hat drei Räume, drei Ebenen, Orte im Theater oder einer Mietskasterene. Es gilt das Credo des Aufstiegs und Abstutzes, des ständigen Anbiederns in der Kultur-Welt: Don't call us. We call you. In Maxim Gorkis Stück "Nachtasyl" spielen sie das Stück im Keller. Jette Steckel wurde vorgeworfen zu viel zu wollen, das Publikum mit theaterwissenschaftlichen Stoff zu überfordern (Hamburger Abendblatt 01/2014). Wahrlich bedarf es Konzentration die Ebenen zu trennen, Dachboden, Bühne, Gaderobe und bel etage, die Theaterstandorte, die Geschichte, die Schauspieler, die Meta-Ebene - aber zugangslos war es nicht, nur weniger rührend als Woyzek oder weniger fazinierend als Don Carlos.

Im Zentrum des Stücks steht ein Kind, das den Übergang herstellt, zu den drei Ebenen, Schichten und Welten. Frau John schiebt in Schürze die Requisiten durch das Theater, entstaubt sie in der Gaderobe. In ihrer heile-heile-Welt lebt sie wie in einer Kulisse, und dann ist da plötzlich das Kind. Ihr Kind in ihren Armen. Dochdie leibliche Mutter Pauline vor der Tür, die es wohl ertränken wollte und es weggab oder verkaufte. Herr John klärt die Sache auf, Stück für Stück und chronologisch rückwärts, dass es etwas langweilt, denn das falsche Kind verstarb in den Armen von Jugendamt und Polizei, das was sie hinschob, um ihr nicht-eigenes, aber echtes vor der Überführung zu retten.

mehr_http://www.thalia-theater.de/h/repertoire_33_de.php?play=951

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