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Sein OS

Huxley's wunderbare neue Beziehungswelt: Theodore Twombly (Joaquín Phoenix) lebt in der Zukunft, der Schnitt seiner taillenhohen Bügelfaltenhosen und die organgefarbenen Feinkordhemden verraten, dass die 1950er ihr vielleicht 100-Jähriges feiern. Jeden Tag verfasst er handgeschriebenen Briefe im Auftrag seiner Kunden und konstruiert ihr Leben, versüßt es ihnen mit viel Einfühlungsvermögen. Privat ist er einsam und lebt zurückgezogen - interagiert mit den 3D-Figuren seines Computerspiels im Wohnzimmer. Auf einer Messe entdeckt er schließlich eine technische Neuerung. Samantha, so nennt sich sein operating system (OS) selbst, das er ab sofort mittels Knopf im Ohr mit sich durchs Leben trägt. Mit Erwachen beginnt Sam zu lernen, sie durchstöbert sein virtuelles Leben und redet mit ihm,  fragt, neckt, motiviert, weckt, arrangiert. Eine Art Assistentin und Lebensberaterin in einem, eine Art Ehefrau - eine Frau natürlich.

Ein OS, sein OS.


Er genießt sie dabei zu haben. Die getauschten Worte und ihre Phantasie beginnen sie zu verbinden. Spirituell-romantisch könnte man von Liebe auf der geistigen Ebene sprechen, von dem gemeinsamen Wachsen, Entwickeln und der Macht des gemeinsamen Alltags. Sogar die Grenzen des Körpers sind zu überwinden, denn mit Vorstellungskraft ist alles möglich, sogar Sex. Konstruktivistisch ist es wohl die Projektion, die eine KI in allem Umfang ermöglicht, weil man sie sich zurecht erziehen kann, nutzt wie ein Programm, die in allen Lebensbereichen unterstützt, sich anpasst und eine immer verfügbare Partnerin ist. Eine einseitig gerichtete Liebe, gekauft und abhängig von ihrem Betreiber und Lehrer. Und eine Illusion für eben diesen. Samantha lernt von den Menschen das Husten wie das Fühlen. Nachdem sich die Beziehung mit Theodore intensiviert, will sie noch mehr erfahren, wachsen, einen think tank mit anderen OS bilden und sie beginnt auch Kontakte zu anderen Menschen aufzunehmen.

 

Er ist nicht allein, neben Theordore pflegt Sam Kontakte zu 8000 Menschen, 600 davon sind Liebesbeziehungen - wie die ihre.


Als er das erfährt, stellt Theodore sie plötzlich in Frage, ist verletzt, zieht sich zurück. Es entspinnen sich unausgesprochene Gedanken über Polygamie und Authentizität. Was ist denn echt, was ist an ihr echt und sind die Gefühle nur erlernt, nachgeahmt, gespielt ..  lernt ein OS nur innerhalb ihrer Existenz so wie wir über Jahrzehnte unseres Lebens? Und ist sie dann austauschbar? Ist ihre Nicht-Körperlichkeit mit einem fremden Körper zu kompensieren, kann man gleichzeitig und verschieden lieben?

Gelungener Blick in die Zukunft: dezent, realistisch und oberflächlich

Spike Jonze lässt diesen wichtigen Beitrag zur Liebe der Zukunft aus, erstaunt aber mit drei Sex-Szenen der Stille, an deren Intensität es indrücklich auch ohne Bild nicht mangelt. Der Soundtrack verzaubert mit Independet von Arcade Fire und Owen Pallett. Und untersteicht das Beinahe-Solo von Joaquín Phoenix, der in der wöflischen Art und den Facetten an Emotionen wirklich überzeugt. Das Zukunfsszenario auch, so gefühlt Morgen wirken Mode, Unterhaltungstechnik und Arbeitswelt in "Her". Huxley war gestern. Jonze ist dichter dran. Am morgen.



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